WIENER-online: I-Wolf aka Wolfgang Schloegl: Dualitaeten

10.09.2013 | 12:51 Markus Brandstetter/WIENER

Auch wenn sein letztes Album unter dem Synonym I-Wolf eine gute Dekade her ist: Wolfgang Schlögl musikalische Untätigkeit zu unterstellen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Mit den Sofa Surfers hat er seit den Neunziger Jahren einen elektronisch-kontemporären Sound zwischen atmosphärischen Klangkonstrukten, entschleunigten Beats und musikalischen Polen wie Downbeat, Trip Hop und (Post-)Rock geprägt, der mit der Schublade der sogenannten „Wiener Schule“ und ihren Protagonisten (samt den zahllosen Kopisten) nur bedingt etwas zu tun hatte: Zuviel Songhaftigkeit im Schaffen des Kollektivs, zu wenig gebrauchsmusikalische Beliebigkeit, die der sogenannten „Lounge“-Gangart über weite Strecken anhaftete.
Sofa Surfers, Slow Club und mehr

Zehn Jahre, in denen Wolfgang Schlögl zwischen den Stilen, Polen und musikalischen Zugängen gravitierte, mit den Sofa Surfers ausgiebig tourte, gemeinsam mit Hansi Lang und Thomas Rabitsch den „Slow Club“ ins Leben rief (und somit Hansi Lang zu einem späten und verdienten Comeback verhalf) – und Musik für jede Menge Theaterproduktionen komponierte. Dass es allerdings ganze zehn Jahre bis zum nächsten I-Wolf Album – der Zweifach-Veröffentlichung „Flesh & Blood“ und „Skin & Bones“ – gedauert hat, hat außermusikalische Gründe, erzählt Schlögl: „Ich bin Familienvater geworden und habe gemerkt, dass ich nicht mit zwei Bands vollwertig touren kann. Die Initialzündung war, dass ich nach einer mehrmonatigen Tour mit den Sofa Surfers zurückgekommen bin, und mich meine Älteste anfänglich nicht erkannt hat. Da denkst du dir: das geht so nicht, und so habe ich das I-Wolf Projekt eben erst einmal eingemottet“.

Dass es nicht ein, sondern gleich zwei Alben werden sollten, kristallisierte sich im Laufe des Schaffensprozesses (der ganze sieben Jahre dauerte) heraus, ebenso der sich aufdrängende thematische Leitfaden, die Dualitäten, Spannungsverhältnisse – sei es zwischen Leben („Flesh & Blood“) und Tod („Skin & Bones“), oder den Geschlechtern, weiblicher und männlicher Energie. Die Freude am Ausloten dieser Spannungsverhältnisse brachten Schlögl dazu, die Stücke, reduziert und im Gerüst auf Klavier und minimale Instrumentierung reduziert, auf eine ganz andere Art und Weise zu adaptieren, in ganz anderer Atmosphäre zwischen Reduktion und Dringlichkeit, neu und anders dastehen zu lassen.
Schubladen

Die Diversität an Projekten und Stilistiken sowie das Experimentieren mit Neuem ist essentiell für Schlögls Arbeit – ein musikalischer Zugang den er sowohl bei seinen Band- und Soloprojekten als auch bei den Theaterproduktionen, quasi Schlögls Brotberuf, ausleben kann.

Schlögl: „Man kann sich das so vorstellen, dass ich verschiedene Schubladen habe. Wenn ich an einem Projekt arbeite und ich merke, dass das, an dem ich gerade arbeite gerade nicht passt, dann kommt das in eben jene Lade. Wenn es beispielsweise etwas Technoides ist, das ich mir aber für das jeweilige Projekt nicht vorstellen kann – dann nehme ich das und lege es in die Technoschublade – die ich noch nie aufgemacht habe für ein Album. Bis jetzt: in den nächsten zehn Jahren kommen dann meine Techno-Alben (lacht). Es liegt einfach an der Art wie ich arbeite: ich bin wie ein Maulwurf, ich arbeite einfach, und warte auf ein bestimmes Gefühl. Ich bin da nicht so verkopft“.

Theaterproduktionen mag er auch deshalb so gern, weil er dabei seinen „technologischen Nerd“ raushängen lassen kann: „Ich baue mir für jedes Stück mein eigenes Setup. Das hat auch logistische Gründe: wenn du nämlich bei jedem Stück mit dem gleichen Setup arbeitest, vermischt sich das dann auch im Kopf. Für mich ist es dann leichter, ein Stück in der Josefstadt mit einer SP404 und einem Looper zu arbeiten, an der Burg ließ ich mir beispielsweise einmal alle Sounds auf Vinyl pressen und sie dann mit drei Turntables, Effekten und einem speziellen Mischpult abgespielt. So erarbeite ich mir diese Sachen, und für die nächste Geschichte dachte ich mir, dass ich sie überhaupt nur mit Mikrophonen, einem Mischpult und einer Ziehharmonika machen werde“.

IWolf Wolfgang Schloegl Dualitaeten

  • Bild: Elsa Okazaki

10.09.2013 | 12:51 Markus Brandstetter

Flesh & Blood und Skin & Bones

„Flesh & Blood“ und „Skin & Bones“ überschneiden sich über weite Strecken von den darauf enthaltenen Songs, und sind doch zwei grundverschiedene Alben. Genau das beweist die Substanz der Songs, die sowohl in opulenterem Soundgewand als auch aufs Gerüst reduziert gut dastehen, und dennoch etwas anderes aussagen, quasi zwei konträre Seiten einer Medaille sind.

Ganze anderthalb Jahre probte Schlögl mit den Gastsängerinnen nur die Gesangsparts, Sängerin Nomadee veranstaltete zusätzlich externe Proben. Man übte, nahm auf, hörte an, besprach und krisitierte. „Dann haben wir an einem Wochenende alles eingesungen. Das Lustige ist, dass ich zu 70 % Takes genommen habe, die testweise aufgenommen wurden. Einfach, weil sie vom Feeling her besser waren“. Es wurde viel live aufgenommen, und als es um die Reduzierung von „Flesh & Blood“ in Richtung „Skin & Bones“ ging, wurde das Klavier zum ausschlaggebenden Instrument, das die Bassfunktion übernahm, so wurden die reduzierten Arrangements aufgebaut.

I-Wolf

Dass die beiden Album wieder unter dem Synomyn I-Wolf erscheinen, hat in erster Linie mit der Überredungskunst von Schlögls Freunden zu tun – er selbst zögerte anfangs, das Synonym wieder hervorzuholen: „Ich hätte diese zwei Alben auch locker unter einem anderen Namen veröffentlichen können, aber die Leute meinten immer: „Du bist I-Wolf“. Nur ist dieses Präfix I mittlerweile durch Apple vereinnahmt, ich wollte es eigentlich anders nennen. Dann kam aber der Einwand von Freunden, ich soll doch nicht noch ein weiteres Fass aufmachen. Die letzten zwei Jahre habe ich es dann auch ganz speziell dort hinproduziert“.

Der rote Faden, anders gesagt: das thematische Leitmotiv der Alben wurde Schlögl während des Schaffensprozesses bewusst:
„Ich hatte das Gefühl, dass das gut und schön ist, aber noch etwas anderes drin steckt. Eben, dass ich die Nummern noch ganz anders interpretieren kann. Mir ist dann klar geworden: Ich muss mich mit den Dualismen auseinandersetzen, die in uns allen stecken. Es ist ein Zusammenspiel aus dem Versuch, sehr archaische Texte zu machen, und den dann sowohl von einer Frau und einem Mann gesungen zu hören. Dieses Spannungsverhältnis fand ich ziemlich sexy“.