Sofa Surfers on technology and theater work at vice.com/alps

 

Fotos: Marko Mestrovic

SOFA SURFERS sind in der österreichischen (Electronic-)Musikszene mindestens genauso groß, wie ihre Alben atmosphärisch und ihre Soundsysteme tanzbar sind. Das Kollektiv, dessen erstes Album 1997 erschien, hat seither so ziemlich jede musikalische Ausdrucksform für sich erschlossen und jede Richtung von Dub bis Post Rock in ihr Werk eingearbeitet.

Und weil ihre Klangwelten genauso modular sind wie ihre Definitionen davon, was eine Band ausmacht, treibt sie ihr aktuellstes Projekt auch nicht in die Clubs oder ins Studio, sondern ans Volkstheater, wo sie das Stück „Kleiner Mann – was nun?“ mit musikalisch vielschichtiger Landschaftsarbeit beackern.

Genau wie Microsoft sind auch die Sofa Surfers Technik-Liebhaber und verlieren dabei trotzdem nicht die Menschen aus den Augen, für die ihre Werke in erster Linie gedacht sind. Außerdem haben sie sich so begeistert auf das modulare und völlig redesignte Betriebssystem Windows 8 gestürzt, dass es nur logisch war, die Sofa Surfers als eine von 8 Künstlergruppen im Rahmen von 8 Lives zu featuren.

Dafür haben wir die Sofa Surfers bei ihrer Arbeit im und rund ums Volkstheater begleitet und sie mit Windows 8-Devices ausgestattet: und zwar vier heißbegehrten Surface Pros, die bei ihnen sofort für die musikalische Arbeit zum Einsatz kamen. Im Interview erklären sie uns, woher sie stilistisch kommen, was sie am Theater reizt und ob man ein Arschloch sein muss, um im Leben voranzukommen.

VICE: Wie würdet ihr jemandem, der euch gar nicht kennt, euch und eure Musik beschreiben?
Sofa Surfers: Wir sind ein Musikkollektiv, das seine musikalischen Wurzeln in den späten 90er-Jahren hat. Das heißt, wir arbeiten befreit von klassischen Zwängen, wie ins Studio gehen zu müssen. Wir haben ziemlich früh begonnen, digitale Möglichkeiten zu nutzen. Unser Proberaum ist auch ein Studio.

Man hat bei euch den Eindruck, dass ihr den Bandbegriff anders als herkömmlich definiert.

Unserer Meinung nach definiert sich eine Band nicht nur über starre Positionen; Musik ist ja überall präsent. Das heißt, wir machen nicht nur Musik auf Tonträgern, wir machen Musik mit verschiedenen Medien. Es stimmt, wir haben den Bandbegriff von Anfang an als sehr weit definiert. Von eher elektronischen Fingerübungen hin, bis hin zum Songwriting haben wir uns weiterentwickelt, wobei ästhetisch und musikalisch elektronische und rockigere Klänge immer auch ineinanderfließen können. Ich glaube, dass der Kleber unserer Musik immer noch Dub ist.

Eine gewisse Modularität in euren Strukturen ist euch wichtig?

Ja, wir arbeiten sehr modular.

Das letzte Album habt ihr ja unter anderem in Linz entwickelt. Linz ist ja auch seit dem Bushido-Gate vor ein paar Jahren auch in den deutschen Medien angekommen, aber als die Ghettostadt Österreichs. Wir habt ihr Linz gesehen, als ihr dort wart?

Wir haben am Pöstlingberg aufgenommen und von der eigentlichen Stadt kaum etwas mitbekommen. Nur einmal waren wir beim Chinesen essen. Sonst war es aber genau das, was wir wollten – Abstand und Ruhe zum Entwickeln unserer Songs. Wir haben auch immer, wenn wir in Linz waren, im Posthof gespielt. Das ist ja ein bisschen außerhalb, da sieht man nichts von Linz. Nur ein einziges Mal haben wir woanders gespielt, nämlich in der Tabakfabrik.

Ist es so, dass die Technik mit der ihr arbeitet, das Ergebnis beeinflusst?

Ja, auf jeden Fall. Aber auch vice versa. Eine gute Melodie mit einem schlechten Sound ist genauso schlecht wie umgekehrt. Das eine gibt das andere vor. Es geht Hand in Hand. Also, wir schreiben nicht den Song und suchen dann die passende Technologie dafür. Es ist eher Learning by Doing. Wahrscheinlich auch deshalb, weil wir ungern die Anleitungen lesen.

Wie kann man sich dieses Wechselspiel vorstellen?

Wir probieren viel aus. Das war auch in Linz so. Weil wir für die Proben nur ein E-Schlagzeug hatten, haben wir auch ganz andere Lieder geschrieben—weil man die Lautstärke sehr sensibel anpassen konnte.

Im Rahmen von 8 Lives habt ihr von Microsoft ja 4 Surface Pros bekommen. Wie gefallen euch die Devices? Ihr seid ja unter allen Künstlern, die wir bei 8 Lives featuren, glaube ich, die Technologie- und Windows-affinsten.

Wir konnten tatsächlich sofort loslegen. Bei anderen Sachen müssen wir uns normalerweise einlernen, aber ich kann damit ganz normal arbeiten. Das ist ein großer Vorteil. Man kann es ja wie einen Laptop behandeln und gleichzeitig wie ein Tablet überallhin mitnehmen. Die Prozessorleistung ist auch so, dass man es wirklich unterwegs nutzen kann, mit dem Vorteil, dass sie auch noch leicht, stabil und schnell einsetzbar sind.

Wie und wofür nutzt ihr die Surface Pros denn privat am meisten?

Wir surfen sehr viel damit—und ehrlich gesagt sogar weitaus lieber damit als mit dem iPad. Auch der Internet Explorer ist in der Touch-Version wirklich schnell. Es ist vom Handling einfach super.

Und wie verwendet ihr die Devices professionell?

Wir verwenden zum Beispiel Ableton und Cubase—übrigens auch im Touch-Modus und das funktioniert sehr gut.

Gibt es eine Eigenschaft, die euch besonders an den Surface Pros beeindruckt hat?

Ja, es ist arg, dass das Surface Pro der erste PC oder Laptop ist, wo man mit dem kleinen Kopfhörerausgang ohne Delays Sound rausschicken kann, so wie das bisher nur mit Macbooks möglich war. Weil er einfach wirklich so schnell ist.

Wie ihr vorhin ja schon erzählt habt, arbeitet ihr ja mit vielen verschiedenen Medien und Ausdrucksformen. Euer aktuellstes Projekt ist ein Stück am Volkstheater – ihr habt aber auch schon zuvor am Theater in der Josefstadt gearbeitet. Was hat euch am Theater interessiert?

Unser genereller Sound baut so viel Atmosphäre auf, dass er gerne verwendet wird, um Stimmungen zu unterstreichen. Egal ob im Theater, Film oder auch andere visuelle Medien. Wir haben auch selbst schon immer mit Video gearbeitet, weil es für uns einfach Sinn macht. So hat sich auch die Türe zum Film weiter geöffnet, wir wurden ja auch schon öfter gefragt, wegen Filmmusik. Daraus hat sich dann auch das Theater entwickelt. Regisseure sind auf uns zugekommen, weil sie unseren Sound gerne adaptiert auf der Bühne hätten. Das Spannende am Theater ist, dass es live ist, wir viel mit den Schauspielern kommunizieren müssen und im Gegensatz zu Film- oder Studioproduktionen natürlich nicht ewig lange Zeit haben, langsam den Sound raus zu kitzeln. Das ist ein direktes Spiel mit dem Gegenüber. Gerade im Theater ist das spannend, weil so viele Leute in die Produktion involviert sind.

Wie sieht eure Interaktion mit den Schauspielern und dem Regisseur, in dem Fall Georg Schmiedleitner, aus? Wie weit ist Interaktion bei der straffen Organisation überhaupt möglich?

Die Cues, zu denen man beginnt und aufhört, sind immer genau vorgegeben, entwickeln sich aber aus einem Prozess heraus. Wir knüpfen immer an die Stimmung der Szene an. Wir haben zum Beispiel bei der Premiere manchmal die Nummern lauter gespielt als bei der Generalprobe, weil die Stimmung eine ganz andere war.

Zwischen den Cues wird aber von euch improvisiert, ihr spielt unterschiedliche Versionen?
Es sind dieselben Lieder, aber wir variieren. Wir spielen mal langsamer, mal fröhlicher. Im Theater sagt man dazu Temperatur. Wenn die Schauspieler heiß sind, dann sind wir es auch. Wenn es eine kühlere Szene ist, dann muss man auch entsprechend darauf reagieren.

Das stelle ich mir schwierig vor, weil ihr ja durch das Bühnenbild von der Szene getrennt seid …

Ja, total. Zum Glück ist das nicht durchgehend so, aber meistens schon. Man muss sich oft auch viel vorstellen. Im besten Fall ist es auch ein enges Vertrauensverhältnis mit dem Regisseur. Der Regisseur hat die Totale und sagt, wenn etwas funktioniert oder nicht funktioniert. Bei Georg wissen wir, dass es so ist, wie er es sagt. Wenn er sagt, wir müssen wilder spielen, dann tun wir das auch. Und er vertraut uns, dass wir das Richtige draus machen, wenn er uns Schlagworte wie „wilder“ oder „fragiler“ hinwirft.

Ist das schwierig, weil jemand über euch Regie führt? Bei einem Soundtrack ist das ja indirekter, jeder macht seine Sache für sich.

Ja, aber bei einem Film mit großem Budget hast du einen Musical Advisor und der kommt mit ähnlichen Dingen daher, die manchmal aber ganz andere Hintergründe haben. Kommerzielle oder Hintergründe, die der Produzent hat die einem als Musiker total wurscht sind. Es kann also sowohl im Theater, als auch im Film sein, dass du jemanden hast, der dir Vorschriften macht. In Österreich gibt es Musical Advisors nicht, wobei ich es mir bei manchen Filmen wünschen würde.

Was ist für euch aus professioneller Sicht der Unterschied zwischen der Produktion im Volkstheater und der im Theater in der Josefstadt?

Das Stück ist ganz anders. Das Stück im Theater in der Josefstadt war zugänglicher, wir waren näher zu den Schauspielern, alles ist kleiner. Das macht einen großen Unterschied. Das Stück im Volkstheater ist aktueller und anspruchsvoller.

In den Stück geht es um ein junges Pärchen, das durch das anstehende Kind und den Aufschwung der Nationalsozialisten immer weiter in ihr Schicksal hineintaumelt und nichts dagegen unternehmen kann. Sie wollen ihr eigenes Unglück auch nicht wahr haben—schließlich sind sie ja die Guten, weshalb sollte es ihnen da schlecht gehen? Das macht es doch sehr aktuell. Könnt ihr euch mit so einer Situation identifizieren? Seht ihr die aktuelle Lage nach der Krise ähnlich?

Leider gibt es kein Anrecht darauf, überleben zu können, nur weil gut ist, es ehrlich meint und man fleißig ist. Eher im Gegenteil. Du musst manchmal ein Arschloch sein, um zu überleben. Es geht ja nicht einmal um ein tolles Leben, sondern einfach nur um das Überleben. Das ist schon sehr aktuell.

Muss man wirklich ein Arschloch sein?

Nein, das muss man sich immer selbst überlegen. Egal, wie die Zeiten sind. Man kommt immer in Situationen, wo du dir überlegen musst, wie du reagierst.

Im Stück erfährt man ja nicht, wie es richtig ginge. Es gibt keine Anleitung, wie sie es besser hätten machen können.

Es gibt ja auch kein richtig. Das ist die Stärke des Stücks. Bert Brecht war ja viel kategorischer. Er hat genau gesagt, wie es sein muss. Was dieses Stück stark und zeitlos macht, ist, dass genau diese Aspekte nicht beantwortet werden, weil sie schwer zu beantworten sind. Die Geschichte wiederholt sich ja immer wieder.

Man sieht ja auch, was sich alles auftut, wenn es den Menschen schlecht geht—welche Menschen dann groß werden können. Es entsteht ein Vakuum, in das diese destruktiven Kräfte reinstoßen.

Befinden wir uns jetzt an einem ähnlichen Punkt, wie dem, an dem das Stück endet?
Es hat damals schon andere politische Vorzeichen gegeben. Man kann es aber nicht genau umlegen. Es ist auch heuchlerisch, wenn sich die Menschen, die im Theater sitzen, über die Krise und Armut aufregen und damit identifizieren, während sie in ihren teuren Abendgarderoben dasitzen.

Die Leute, die ins Volkstheater gehen, sind vermutlich eher nicht so von der Krise betroffen.
Nein, zu 95 % wahrscheinlich nicht. Das Interessante am Volkstheater ist aber: Es gibt das Volkstheater auch in den einzelnen Bezirken—da gehen auch die Hausmeister hin. Es wird aber auch ein ganz anderes Programm gespielt.

Glaubt ihr, dass sich das Stück an die richten soll, die eben nicht betroffen sind, um das Thema auch an diese Leute zu bringen?

Das musst du fast den Georg fragen. Das trauen wir uns nicht zu sagen. Vielleicht soll man sich auf das wirklich Wichtige besinnen. Es geht ja in dem Stück um diese Beziehung von zwei Menschen und darum, dass die Liebe trotz allem hält. Das ist das Schöne an dieser Arbeit. Weil man sich auch mit solchen Dingen auseinandersetzt. Wir kümmern uns um den ästhetischen Rahmen, aber man beschäftigt sich ja auch mit dem Inhalt.

Zum Abschluss noch eine ganz andere Frage: Welche Frage hättet ihr gerne gestellt bekommen?

Vielleicht noch eine Frage über unser aktuelles Album „Superluminal“. Das war ein langer Entstehungsprozess und wir sind mit dem Resultat immer noch sehr zufrieden!