Hans Falladas Wirtschaftskrisengemaelde “Kleiner Mann – was nun?” im Volkstheater

Lämmchen im Sperrholzkobel
Von Hans Haider

Sichere Linie durch den Milieudschungel fehlt: Mit Georg Schmiedleitners Fallada-Inszenierung eröffnet das Volkstheater die neue Saison, v.l.: Patrick O. Beck, Hanna Binder, Susa Meyer.

Sichere Linie durch den Milieudschungel fehlt: Mit Georg Schmiedleitners Fallada-Inszenierung eröffnet das Volkstheater die neue Saison, v.l.: Patrick O. Beck, Hanna Binder, Susa Meyer.Christoph Sebastian

“Mein Jungchen, was sind wir glücklich.” “Lämmchen” nennt dieser deutsche Junge Johannes sein Mädchen. Lämmchen ist unverhofft guter Hoffnung. Damit beginnt Hans Falladas Arme-Leute-Roman “Kleiner Mann – was nun?” (1932). Aus der Fernbeziehung wird eine Notehe, zuerst in einem dumpfen Nest in Pommerland, dann in der Berliner Kulisse von Nutten, Schiebern und Angestellten-Schindern in einem jüdischen Kaufhaus.

Fallada, Säufer und Morphinist, schildert in seinem ersten Bucherfolg die Wirtschaftskrisennot ohne rotes oder braunes Engagement. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 und noch in der deutschen Sowjetzone bleibt er im Geschäft. Als Zeuge der Anklage gegen das nichtsozialistische System vorher.

Sozialer Groschenroman
Beim zeitgleichen Ödön von Horváth zerbrechen die Leidensfiguren. Bei Fallada (1893-1947) deckt die Liebe alles zu. Nicht aber in Volkstheater in der Bühnenfassung von Susanne Abbrederis und Georg Schmiedleitner. Lämmchen endet allein, ohne Johannes, ohne Sich-Wiederfinden im “alten Glück”, in der “alten Liebe”. Hier ist die Botschaft des Originals einzufordern – obwohl es oft auf das Niveau des sozialen Groschenromans abrutscht.

Die vielen starken Dialoge des Romans rufen nach einer Bühnendarstellung. Massive Kürzungen sind unvermeidbar. Müssen deshalb Figuren aus der Rolle fallen und verbindende, klärende Worte in einem fremden Tonfall selber sprechen? Nach den Spielregeln des epischen Theaters wird damit die unmittelbare, sentimentale Wirkung gebremst. Bis endlich Susa Meyer das Publikum erlöst mit feministischem Gefühlsfeuer in einem Chanson über die “dummen Männer” und die “dummen Frauen”. Als Prolo-Combo in Unterhemden machen die Sofa Surfers einschmeichelnde Weltverdrussstimmung. Mit Slapstick, Billigsexorgien (wie von George Grosz gezeichnet) und artistischen Kampfszenen wird gegen die selbstverschuldete episch-kühle Distanz angespielt. Ein Fallrückzieher der Regie. Die sichere Linie durch den Milieudschungel fehlt.

So unigrau wie das Leben als kleiner Angestellter auch die Bühne von Stefan Brandtmayr: kahle drei Wände mit fünf Türen, die doppelschalige Rückwand ausfahrbar als Barriere zwischen Arm und Reich, Gut und Böse. Die Außenwelt leuchtet in diesen Sperrholzkobel mit Videos von einer Bahnfahrt über flaches Land und einem tristen Aufmarsch von Arbeitslosen.

Hanna Binder als Lämmchen bewahrt noch Mädchenzauber, Unschuld und Zuversicht vom Lande. Tritt Patrick O. Beck als kleiner Handelsangestellter Johannes ins erste Bühnenlicht, wirkt er zehn Jahre zu alt und erinnert in exaktem Anzug (Kostüme: Cornelia Kraske) mit kurzem Haar an einen spätberufenen BWL-Assistenten der Geschäftsführung. Richtig oder falsch? “In den Angestellten kommt nun ein neues, uniformierteres, erstarrteres, gedrillteres Kleinbürgertum herauf. Es ist unendlich viel ärmer an Typen, Originalen, verschrobenen, aber versöhnlichen Menschenbildern als das verflossene. Dafür unendlich viel reicher an Illusionen und an Verdrängungen.” So Walter Benjamin in der Rezension von Siegfried Kracauers Epochewerk “Die Angestellten” (1930).

Solidarität ist Schlagwort
Wo Mitleid weggeschoben wird, bleibt Solidarität nur ein Schlagwort. Wie es Fallada illusionslos vorführt, wenn er drei mit der Kündigung bedrohte Angestellte schwören lässt, dass sie gemeinsam gehen, falls es einen trifft. Der Pakt hält nicht.

Rainer Frieb tritt hier erstmals als Unternehmerkarikatur auf, köstlich-grauslich wie die unverwüstliche Claudia Sabitzer als Kaufmannsfrau.

Thomas Kamper empfiehlt sich in der Palette seiner Nebenrollen nur als geheimnisvoller Verkaufskollege Heilbutt (dessen Nebenexistenz als Nacktfotohändler gestrichen ist), Alexander Lhotzky nur als brauner Schlägertyp. Günter Franzmeier darf mit Gaunergrandezza beweisen, dass er der lüsternen Kuppelmutter Pinneberg (Susa Meyer voll in Fahrt) moralisch überlegen ist.

Georg Schmiedleitner lässt auch als Regisseur dem zentralen Paar kaum Chancen sich zu holen, was ein Rührstück an Ankerwürfen Richtung Publikum böte. Sozialhistorisch wohl begründet, doch umso papierner und kopflastiger der Abend.