Gesamtkunstwerk: Tolstois “Krieg und Frieden”

05.12.2011 | 18:13 |  NORBERT MAYER (Die Presse)

Kasino am Schwarzenbergplatz: Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann bringt den epochalen russischen Roman auf die Bühne. Ein konzentriertes Ensemble macht dieses Projekt zum Ereignis.

Matthias Hartmann ist nicht Leo Tolstoi, und es wäre auch ungerecht den Burgtheater-Direktor mit dem russischen Romancier zu vergleichen, doch was er aus dessen epochalem, mehr als 1500 Seiten langem „Krieg und Frieden“ auf der Bühne des Kasinos am Schwarzenbergplatz gemacht hat, beeindruckt durchaus. Seit April des Vorjahres hat es zu diesem Projekt immer wieder öffentliche Proben gegeben, am Sonntag war Premiere, die Arbeit hat sich gelohnt. Man bekommt eine der besten Roman-Dramatisierungen zu sehen, ein Highlight der Saison. Diese (inklusive zweier Pausen) vierdreiviertel Stunden über Russland in den Napoleonischen Kriegen sind eine Einladung, sich nach dem Amuse-Gueule das Original vorzunehmen.

15 Schauspieler in Dutzenden Rollen (allein Moritz Vierboom spielt neun) schärfen die Erzählung zu einer ironischen und kurzweiligen Show. Je nach Gusto kann man es kritisch oder lobend verstehen: Hartmanns Inszenierung ist verspielt. Die Musik von Karsten Riedel und Wolfgang Schlögl trägt viel zur Atmosphäre bei. Die längs der Zuschauerreihen angelegte Bühne (Raum und Kostüm: Johannes Schütz) erweist sich als vorteilhaft. Vor den Augen des Publikums wird mit einfachsten Mitteln ein Panorama der Schlachten und Gesellschaften von 1805 bis 1812 entworfen. Graue Tische und Sessel werden zum Laufsteg, dienen auch als Waffen, eröffnen Landschaften und Prunkräume. Im Hintergrund ist ein Puppenhaus-Ballsaal mit Figuren aufgebaut, zudem dient ein Klavier als Aufmarschfläche. Per Videokamera wird dieses kleine Illusionstheater auf großen, beweglichen Leinwänden und auf der Rückwand gezeigt. Aber die zierliche Opulenz bildet nur den Rahmen, den Hintergrund. Was die Dramatisierung hinreißend macht, ist die Wandlungsfähigkeit des Ensembles, ihr intensives Durchwalken des riesigen Stoffes, der von Amely Joana Haag unter Verwendung der altbewährten Übersetzung von Werner Bergengruen zurechtgeschneidert wurde. Die Schauspieler sind so konzentriert bei der Sache, als ob ihnen unmittelbar eine schwere Schlacht bevorstünde.

Verwendet werden vor allem Passagen aus dem ersten Drittel des Buches, betont wird der Sarkasmus, der Tolstoi zuweilen eigen ist. Dessen heiliger Ernst aber fehlt. So entstehen vor allem Figuren, die ins Komödienfach, wenn nicht ins Kabarett passen. Besonders wandlungsfähig ist Ignaz Kirchner, der General Kutusow, ein Kind, Greise, Lakaien und vor allem auch den strengen alten Fürsten Bolkonskij spielt. Es ist eine Lust, ihm bei diesen Metamorphosen zuzusehen, die er spielerisch leicht entwickelt. Auch Sabine Haupt gelingt mühelos der Übergang von einem schweren Charakter wie Bolkonskijs Tochter Marja zu einer nervigen Salondame wie Madame Scherer.

 

Ausgelassener Jahrmarkt der Eitelkeit

Gundars Āboliņš, der in der Hauptrolle den reichen Grafen Pierre spielt, betont das Tapsige dieses Charakters, er macht ihn zur Lachnummer, den Ernst lässt er weg. Der bleibt für Pierres Freund Andrej Bolkonskij reserviert, den Peter Knaack fast ganz ohne Ironie spielt. Auch Elisabeth Augustin und Rudolf Melichar sind als Ehepaar Rostow eher seriös angelegt, so wie Adina Vetter in Rollen vernachlässigter Frauen. Ausgelassene Komik hingegen ist für die Jungstars reserviert: Yohanna Schwertfeger als Natascha und Sven Dolinski als ihr Bruder Nikolai wirbeln im naiven Fach herum, Stefanie Dvorak zelebriert das Kokette, vor allem als Hélène Kuragina. Sie wird auf dem Jahrmarkt der Eitelkeit fast noch übertroffen von Oliver Masucci, der Hélènes Bruder Anatol spielt. Wie eine lebendig gewordene griechische Statue wirkt er, trägt spätklassische Schönheit verschmitzt zur Schau. Franz J. Csencsits spielt als dessen Vater, Fürst Kuragin, den eitlen Salonlöwen, er mischt in den Charakter aber auch ganz apart die reine Berechnung. Dieses Trio entwickelt Paraderollen. Omnipräsent und in allen Charakteren stark ist Fabian Krüger. Er glänzt als schneidiger Offizier Dolochow, als Klatschweib, als Ballettmädchen, hellwach ist er bei diesen Wandlungen, und seine Augen blitzen listig.

 

„Kommt zu euch! Was tut ihr?“

Die Stunden im Kasino mit dieser Melange aus Dichterlesung, epischem Theater, Scherz, Satire und Ironie verfliegen rasch. Hartmann erhöht nach der zweiten Pause das Tempo und setzt vermehrt auf das Komödiantische, auf Gags. Es wird nun weniger erzählt und mehr posiert, aber irgendwann geht natürlich auch den engagiertesten Erzählern die Luft aus. Einige Handlungsstränge sind bereits weit entwickelt, es hat Hochzeiten und Todesfälle und Schlachten in Massen gegeben, doch zwangsläufig muss dieses Unternehmen zerfasern.

Die Schlacht von Borodino ist geschlagen. Erschöpfung setzt ein: „Kommt zu euch! Was tut ihr?“, heißt es. Da tritt der Regisseur auf und gesteht grandioses Scheitern ein. Mit Tolstoi wird niemand fertig. Mehr geht eben nicht an einem Abend. Die Schauspieler dürfen noch berichten, welches Schicksal ihren Charakteren bevorsteht, und dann muss Schluss sein, mittendrin, wie bei Tolstoi. Starker, verdienter Applaus.