Die Welt – 14. 11. 2011

Jubel fuer den Tolstoi vom Burgtheater
in Hamburg

Wenn Veranstalter die Hallen mieten, ist Kampnagel auch mal außerhalb des Sommerfestivals des Matthias von Hartz attraktiv. Diesmal war es ausgerechnet das andere, das “Hamburger Theaterfestival”, das für eine ausverkaufte Halle K6 und grenzenlosen Jubel sorgte. Gespielt wurde “Krieg und Frieden” von Leo Tolstoi – vom wohl besten deutschsprachigen Ensemble, dem des Wiener Burgtheaters. Regie bei dieser Großversuchsanordnung führte Burg-Intendant Matthias Hartmann höchstselbst. Nach gefühlten zwei Stunden, in Wirklichkeit fünf, war die bewegte Zeit von 1805 bis 1820 aus adliger russischer Zentralperspektive beglückend frisch und neu erzählt, in epischer Soap-Breite, mit V-Effekt in Form zu Regieanweisungen umgeformter Romanfetzen, unter Rückübersetzung filmischer Soundeffekte für die Bühne und unter Einbeziehung der Live-Cam, die zivile und militärische Schlachten, also prächtige Adelsbälle und Schlachtfeld-Szenen filmte, die mit kleinen Puppen nachgestellt wurden. Den Live-Soundtrack steuerten Karsten Riedel und Wolfgang Schlögl begnadet klangmalerisch bei. Unvergleichlich unter den durchweg ausgezeichneten Darstellern: Udo Samel als Pierre, Ignaz Kirchner als Fürst Bolkonskij sowie Yohanna Schwertfeger als Natascha. Mit dem genialen künstlerischen Abschluss zog Theaterfestival-Intendant Nikolaus Besch zugleich fulminant Bilanz: 450 000 Euro von Sponsoren und 550 000 Euro aus Karteneinnahmen finanzierten 15 herausragende Gastspiele aus Wien, München, Zürich, Köln und Mannheim. Alle Aufführungen waren ausverkauft. stg