falter Nov. 2004

Avantgardefreak & Popsau

POP SPECIAL   Wolfgang Schlögl alias I-Wolf ist der sympathischste und facettenreichste Elektronikmusiker Wiens. Er hilft Hansi Lang bei dessen Comeback, möchte mit Olga Neuwirth zusammenarbeiten und seine Musik nicht nur als Grundlage für Handy-Ringtones verstehen. GERHARD STÖGER


Wer auch nur ein bisschen Interesse an heimischer Popmusik aufbrachte, konnte in den letzten Jahren am Namen Wolfgang Schlögl unmöglich vorbeigehen. Seit rund einem Jahrzehnt treibt der in den unterschiedlichsten musikalischen Sprachen versierte 32-Jährige mit seiner Band Sofa Surfers dem so genannten Vienna Sound die Gemütlichkeit aus, während er mit seinem Soloprojekt I-Wolf die aufregendste heimische Popproduktion des Vorjahres veröffentlichte (“I-Wolf presents Soul Strata”).
Schlögl remixte den Komponisten Iannis Xenakis für die Wiener Festwochen; er produzierte Theatermusik fürs Schauspielhaus und brachte Shakespeare-Sonette auf die Bühne. Momentan versorgt der leidenschaftliche und undogmatische Musiker und Produzent den gefallenen Austrorocker Hansi Lang mit stimmungsvollen Jazzklängen aus dem Laptop für dessen neues Album, gleichzeitig arbeitet er mit der Geigerin und Komponistin Mia Zabelka zusammen. Nebenbei ist der an sich doch im Pop hauptgemeldete Schlögl auch regelmäßig als DJ tätig; gemeinsam mit Rainer Klang betreibt er den Club Private Dancer im Wiener Roxy. Nur sein Studium der Politikwissenschaft hat der gebürtige Mödlinger knapp vor der Diplomarbeit ad acta gelegt.
Zur Veröffentlichung seines mit einer Vielzahl internationaler Gäste produzierten neuen Albums “I-Wolf & Burdy Meet the Babylonians” besuchte der Falter Schlögl in seiner kleinen Favoritner Wohnung, deren Wohnzimmer auch das I-Wolf’sche Tonstudio beheimatet.

Falter: Sie wurden heuer mit dem Amadeus-Musikpreis ausgezeichnet, das deutsche Popmagazin “Spex” kürte Ihr letztes Album als erste österreichische Produktion überhaupt zur “Platte des Monats”, und Sie treten bei den Wiener Festwochen ebenso auf wie bei Präsentationsabenden heimischer Mobilfunkbetreiber. Warum wohnen Sie immer noch im Gemeindebau?

Wolfgang Schlögl: Weil ich mit meiner Arbeit in Wirklichkeit gerade einmal überleben kann. Ein Gig für One im kleinen Rahmen ist im Prinzip ein Gegengeschäft, damit sie meine Musik als MP3-Download anbieten. Derartige Auftritte fallen mir nicht immer leicht; ich kann die dabei gesammelte Erfahrung aber anderswo wieder ausspielen.

Kritikerlob und Musikpreise schlagen sich finanziell also nicht nieder?

Guter Ruf hat keine finanzielle Entsprechung. Du kannst durch solche Auszeichnungen vielleicht zehn Prozent mehr Gage verlangen, und wirst öfter für Projekte angefragt, die zumeist aber auch nicht wirklich lukrativ sind. Manchmal interessieren mich derartige Projekte ohnehin vor allem unter dem Aspekt des Tabubruchs – also um Sachen zu machen, die man nicht unbedingt mit mir assoziiert.

Zum Beispiel?

Bei der Amadeus-Gala habe ich den Austropoppaten Thomas Rabitsch kennen gelernt, und er hat mich gefragt, ob ich das neue Album seines Freundes Hansi Lang produzieren möchte. Zuerst dachte ich mir natürlich: Austropopalarm! Bei unserem ersten richtigen Treffen hatte ich aber das Gefühl, dass ich von uns dreien eigentlich der Verkrampfteste bin. Die beiden wissen sehr wohl, was sie nicht mehr drauf haben, und sie haben sich von mir auch keinesfalls die butterweichen Beats für ein kleines Comebackerl vom Hansi erwartet.

Die beiden kannten Ihre Arbeit?

Sie kannten mein letztes Album und wussten, dass ich bei den Sofa Surfers spiele. Bei mir stellt sich ja meist die Frage, welchen Ausschnitt man kennt: Für manche bin ich der Avantgardefreak, für andere wieder die Popsau.

Und wo sehen Sie sich da selbst?

Als jemanden, der zwischen Hoch- und Populärkultur keinen starken Unterschied macht. Aufgewachsen bin ich mit beidem: Ich habe mir Udo Huber angesehen und bin gleichzeitig ins Theater der Jugend gegangen; habe in Bands gespielt und eine klassische Klavier- und Celloausbildung durchlaufen. Mir haben immer schon diese Crossoverfiguren getaugt. Jemand wie Brian Eno, dem man durchaus theoretisches Wissen zubilligt, der aber trotzdem über Popappeal verfügt. Und David Byrne ist mein Hero, seit ich 16 bin: Er hat mir mit den Talking Heads gezeigt, dass ich nichts Arges anstellen muss, sondern dass auch Normalität etwas Cooles sein kann.

Die Ausschweifung hat im Pop aber schon eine gewisse Bedeutung …

Im Kreativbereich gibt es zwei Modelle: Man kann sich zudröhnen und auf die Eingabe warten, oder man kann an sich arbeiten und dann aus sich herausschöpfen. Ich halte mich an Zweiteres, denn irgendwann bin ich draufgekommen, dass die Musik nur dann besser wird, wenn man auch an seiner Persönlichkeit arbeitet.

Früher haben Sie es auch mit dem Zudröhnen versucht?

Wenn man sich mit Musik und den ganzen Klischees auseinander setzt, macht man gewisse Entwicklungsstufen mit. Da gehört das Zudröhnen dazu, das ich auch gar nicht missen möchte.

Was uns wieder zu Hansi Lang bringt, der in den frühen Achtzigern als großer Hoffnungsträger der österreichischen Musikszene galt, dann aber drogenbedingt furchtbar abgestürzt ist. Wie läuft die Arbeit mit ihm?

Es wird ein Album mit Standards aus den Dreißiger- bis Fünfzigerjahren; das Songwriting ist also supergut. An mir liegt es, den Hansi behutsam zu inszenieren. Er ist ein relativ weicher Typ, der aber sehr hart gelebt hat. Hansi Lang singt, was er ist, und er tut das mit einer Stimme, die ich so in Österreich noch nicht gehört habe. Das wird eine echte Gänsehautplatte, und ich schaue halt, dass er nicht zum Barcrooner verkommt, denn der Hansi ist kein Louie Austen, keine Stimmungskanone.

Während nordeuropäische Länder wie Schweden stets im internationalen Pop präsent sind, wirkt die österreichische Musikszene so ärmlich wie der heimische Fußball. Warum?

Es gibt nicht viel Innovation und zu wenig Bewusstsein darüber, wo man da mitspielt bzw. mitspielen möchte. Zu einer Rockband gehört beispielsweise auch das entsprechende Image, und gerade das beherrschen etwa schwedische Bands. In Österreich wirkt man eher peinlich – und ist es in vielen Fällen auch, weil es keine ironische Brechung gibt. Oder man gibt sich irrsinnig ernst und versucht, möglichst nur über die Kunstschiene rezipiert zu werden.

Dem österreichischen Pop fehlt also die Lockerheit?

Die Lockerheit und ein offensiveres Auftreten. Ich bin inzwischen schon sieben Mal auf der Popkomm (deutsche Musikfachmesse, Red.) gewesen, und die Österreichtage dort wirken – bei allem Respekt für die vielfach wirklich guten Musiker und Bands – immer wie traurige Musikschulabende.

Die Wiener Elektronikszene wird stets zur Rufrettung heimischer Popmusik bemüht. Wie beurteilen Sie ihre gegenwärtige Qualität?

Jetzt habe ich das Gefühl, dass wieder etwas passiert. Gewisse Bereiche müssen einfach manchmal ein bisschen unbeachtet bleiben, damit sich etwas bildet; ständig die Lupe draufzuhalten ist eher ein Nachteil. Bands wie Twinnie oder Labels wie temp-Records versuchen, der lokalen Gemütlichkeitsrhythmik etwas entgegenzusetzen. Obwohl manches noch eher nachgespielte Pose ist, könnten dabei letztlich sehr gute Sachen herauskommen. Derzeit passiert – auch aufgrund ökonomischer Probleme – viel aus der Wut im Bauch heraus. Durch diese Stimmung wird die Musik wieder kantiger. Wenn die Elektronik nur ästhetisch dahinwabert und weder Kanten noch Inhalte hat, wird sie belanglos – was sie ja vielfach auch geworden ist.

Was kann Pop denn jenseits des Ästhetischen leisten?

Wenn jemand durch einen Song wirklich berührt wird, so ist das schon ziemlich viel. Pop kann vielleicht nicht die Welt verändern, aber er kann das Bewusstsein aktivieren. Warum ist etwa eine Band wie The Clash für viele Menschen nach wie vor derart wichtig? Die Musik alleine ist es nicht, die war mal gut und mal schlecht. Es geht auch darum, was The Clash transportiert haben: Sie waren als Typen authentisch, und sie hatten etwas zu sagen.

Auch Ihre Veröffentlichungen als I-Wolf legen Wert auf die Inhalte. Beim letzten Mal ging es Ihnen, eigenen Angaben zufolge, um “multiperspektivische Reflexionen über die Liebe”. Auf der neuen Platte suchen Sie nach Formen der Auseinandersetzung mit dem Thema “Globalisierung”.

Ich kratze es ja nur an. Eigentlich habe ich mir deshalb so umfassende Komplexe gesucht, um noch weitere Alben darüber machen zu können. Durch die Größe der Themen sind diese Platten nichts Abgeschlossenes; aber ich mache lieber so was und scheitere, als an Dingen zu arbeiten, die mir selber gar nichts sagen.

Die typische Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit des Pop interessiert Sie gar nicht?

Ganz ehrlich: Die Popplatten, die uns taugen, sind doch alles Kunstpopplatten, oder? Welches tolle Popalbum ist schon wirklich belanglos?

Die frühen Beatles zwischen “Love Me Do” und “I Want to Hold Your Hand” waren belanglos und trotzdem toll.

Okay, aber mit “Revolver” hat sich das auch bei den Beatles geändert. Mein neues Album sollte durchaus ganz schlicht als Pop funktionieren. Ich wollte nicht nur als Hirnwichser dastehen oder als jemand, der irrsinnig viel zu sagen hat; gleichzeitig sollte es aber doch auch Elemente beinhalten, die sich dann bei genauerem Hinhören offenbaren.

Die Grundlagen der Platte haben Sie gemeinsam mit dem britischen TripHopper Burdy erarbeitet. Worum ging es Ihnen ursprünglich?

Wir wollten ein Album über Globalisierung machen, ohne dauernd diesen Begriff zu bemühen. Dadurch kam das babylonische Element und die Vielzahl an Gästen ins Spiel. Mir ist so etwas wie ein babylonisches Mixtape vorgeschwebt, das Offenheit suggerieren, gleichzeitig aber doch in sich geschlossen sein sollte. Die Herausforderung während der Produktion war dann, stilistisch ganz unterschiedliche Sachen zu verbinden, ohne dass das Ganze desperat und richtungslos wirkt.

Sie haben im Zusammenhang mit dem Album vorab von “Weltmusik ohne Folklore” gesprochen.

Ich habe mit Künstlern aus aller Welt gearbeitet und bin so draufgekommen, dass ich mit Leuten in der Bronx mehr gemeinsam habe als mit einem oberösterreichischen Milchbauern. Das Album ist ein Gemischtwarenladen, lässt die Folklore aber weg und repräsentiert quasi einen globalen städtischen Raum.

Als bekanntester Gast ist Shaun Ryder, der Exsänger der britischen Raveband The Happy Mondays, zu hören. Wie kam es dazu?

Durch einen unglaublichen Zufall. Burdy ist vor einiger Zeit mit seiner Familie nach Australien gezogen, und in seiner dortigen Nachbarschaft wohnt Shaun Ryders Cousin. Wie es der Teufel will, landete Shaun Ryder eines Tages, total fertig, zwei Häuser von Burdy entfernt zur Drogenrehabilitation. Weil ihn in England auch hospitalmäßig niemand mehr aufnahm, machte er dort den Cold Turkey – und dadurch habe ich einen Song von ihm.

Durch Ihre international vernetzte Arbeit haben Sie ständig mit MP3-Soundfiles zu tun, die übers Internet verschickt werden. Wie stehen Sie als Musiker, DJ und Musikliebhaber dem Thema “Musik aus dem Netz” gegenüber?

Ich selbst lade mir nichts herunter, habe aber kein Problem damit, wenn das jemand tut. Ich kann es nicht ändern, bin selbst aber vielleicht schon zu audiophil für MP3s. Außerdem geht es mir nach wie vor um ganze Alben und nicht nur um einzelne Songs. Das wird ja eine sehr interessante Frage, ob die jungen Leute künftig überhaupt noch in der Lage sind, ein Format wie ein Album weiter zu hören, oder ob es nicht vielleicht wirklich nur mehr um bestimmte Soundschnipsel geht. Der größte Ehrgeiz junger Musikhörer ist es ja heute, den Handy-Ringtone ihres Hits zu haben, und damit verdienen die Plattenfirmen auch das meiste.

Wo sehen Sie sich selbst in zehn Jahren?

So weit habe ich noch nie gedacht. Ich möchte verstärkt für Filme und fürs Theater arbeiten, weil da auch mein Drang nach etwas Narrativem gesättigt wird. Ich arbeite auch sehr gerne mit Leuten aus anderen Bereichen. Es würde mir zum Beispiel taugen, mit der Olga Neuwirth zusammenzuarbeiten – mit Leuten eben, bei denen man das Gefühl hat, dass etwas Interessantes herauskommen kann. Und wenn das einmal danebengeht, ist das auch okay. Ich will auch einmal gescheit scheitern, das gehört ja dazu.