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„Ich habe schon als Achtjaehrige resigniert“

Die Autorin Christine Nöstlinger wird am 13. Oktober 75. Der Musiker und Nöstlinger-Fan Wolfgang Schlögl hat sie über ihre Kindheit, ihre Arbeit und das Wienerische befragt

Kommen S’ halt zu mir“, hat Christine Nöstlinger gesagt. Also fand das Gespräch zwischen der Autorin und Wolfgang Schlögl in Nöstlingers Wohnung statt, die hoch über dem Hannovermarkt im 20. Bezirk liegt. Nebenher jonglierte die Gastgeberin so souverän wie lässig mit Kaffeemaschine, Telefon und Türöffner. Und zwischendurch hat sie sich auch einmal genüsslich eine Zigarette angezündet.

Falter: Frau Nöstlinger, wir haben uns gedacht, wir machen einmal etwas anderes als das typische Geburtstagsinterview.

Christine Nöstlinger: Das ist schön. Ich gebe jetzt dauernd Interviews, und jeder fragt das Gleiche. Ich höre mich reden und denke dabei an was ganz anderes.

Wolfgang Schlögl ist ein Fan von Ihnen. Und er macht die Musik zur Bühnenfassung Ihrer Gedichte „Iba de gaunz oaman Leit“, die Anfang 2012 im Rabenhof aufgeführt wird.

Nöstlinger: Davon habe ich gehört.

Wolfgang Schlögl: Ich bin gefragt worden, ob ich aus Teilen von den drei Gedichtbänden was extrahieren und Musik dazu machen kann. Da stecke ich gerade drin. Mir sind schon einige Flashbacks in die Kindheit gekommen. Ich bin ein 1972er-Jahrgang, und für mich war der „Dschi Dsche-i Wischer“ als Bub eine total tolle Figur.

Nöstlinger: Schön, wenn es so war.

Schlögl: Das ist immer in der Früh im Radio gelaufen, und meine Mutter hat mir sehr bald ein Büchlein davon gekauft, aus dem sie mir dann vorgelesen hat.

Nöstlinger: Das gab es auch, aber man kann über den Dschi Dsche-i schwer ein Buch schreiben. Diese erfundene Sprache kann ein Kind fast nicht lesen. Man hat dann halt irgendwas weggestrichen. Die ganzen witzigen Wortspiele hätten ein Kind total überfordert.

Schlögl: Diese Wortspiele und Sprachschöpfungen fühlt man vielleicht nur, wenn man klein ist. Richtig bewusst wird einem so etwas erst später. Das geht mir bei ihren Texten genauso wie bei der Erika Fuchs.

Nöstlinger: Die Fuchs ist auch gut. Wenn man sich die amerikanischen „Mickey Mouse“-Bücher anschaut, merkt man das erst.

Schlögl: Wie sind Sie damals zum Radio gekommen?

Nöstlinger: Es gab das Jahr des Kindes, und da wollte der Hörfunk eine billige Sendung machen. Ich habe mir am Anfang überhaupt nichts gedacht dabei. Zu der Zeit hat es im Radio noch den Günther Schifter gegeben, von ihm habe ich das „Howdy“ übernommen. So hat sich das im Lauf der Zeit entwickelt. Ich habe mich auch nicht gefragt, ob das Kindern gefallen könnte.

Schlögl: Es war aber schon eine Zielgruppen-Sendung, oder?

Nöstlinger: Es hätte was für Kinder sein sollen. Aber eine halbwegs gute Kindergeschichte muss auch Erwachsenen gefallen. Es schreibt sie ja auch ein Erwachsener. Wenn man sich herabbeugt und auf ein Pseudo-Kinderniveau begibt, dann ist das schon gar nichts. Das macht einem auch beim Arbeiten keinen Spaß. Und ohne den Spaß geht es ja nicht.

Schlögl: Können Sie erklären, was eine gute Kindergeschichte braucht?

Nöstlinger: Sie braucht zwei Ebenen: eine Story und eine Story dahinter. Es gibt natürlich Kinder, die nur die Geschichte verstehen und sich rein an der delektieren. Die Blitzgneißer bemerken halt die Geschichte dahinter auch. Man darf als Autor solcher Geschichten die Türe zur eigenen Kindheit nicht zugemacht haben. Man muss die Wut und die Traurigkeit, die man als Kind empfunden hat, immer noch spüren können.

Schlögl: War es ein spezieller Reiz, fürs Radio tätig zu sein?

Nöstlinger: Ich habe immer gern für alle Medien gearbeitet. Mein Mann war damals für den Rundfunk tätig, darum habe ich da schon sehr früh Beiträge gemacht. Unter Hubert Gaisbauer war das damals eine Schonzone. Ich glaube, der Rundfunk ist das einzige Medium, das mich gescheiter gemacht hat.

Schlögl: Inwiefern?

Nöstlinger: Weil ich ein relativ ungebildeter Mensch war. Was man in einem Wiener Gymnasium gelernt hat, das war ja nicht gar so viel. Beim Radio habe ich in der Familienredaktion Leute kennengelernt, die alle viel mehr gewusst haben als ich.

Schlögl: Heute gibt es so viele Medien, dass alle Informationen relativ werden.

Nöstlinger: Na ja, der eine informiert sich halt mehr dort, der andere da.

Schlögl: Nutzen Sie das Internet?

Nöstlinger: Wenn ich muss. Meine Töchter und meine Enkel lachen über mich, aber ich nehme lieber ein Lexikon zur Hand, als dass ich ins Internet schaue. Das merke ich jeden Donnerstag, wenn ich das Kreuzworträtsel in der Zeit löse. Manchmal ist das Internet aber auch sehr nützlich. Wenn am Mobiltelefon steht „Dieses Zubehör wurde nicht für iPhone entwickelt“, bist du ohne Internet hilflos. Dann schaust du nach und siehst: 100 Leute haben schon dasselbe Problem gehabt. Dann liest du, dass in der Andockstelle Feuchtigkeit sein muss – und genau so war es auch.

Schlögl: Was mich an Ihrem Schreiben besonders interessiert: Wie weit denken Sie Rhythmik und Melodie mit?

Nöstlinger: Ich denke sie nicht mit, aber ich hoffe, ich spüre sie. Ein Text, egal ob das ein Gedicht oder ein Prosatext ist, muss einfach eine gewisse Sprachmelodie haben.

Schlögl: Bei Ihren Gedichten über die „Mauna“ und denen über die „Kinda“ spürt man eine unterschiedliche Dynamik.

Nöstlinger: Da liegen etliche Jahre dazwischen, das spielt sicher eine Rolle. Und bei den Kindern habe ich nur ganz selten gereimt. Bei mir ergibt sich das zufällig. Wenn ich auf der Gasse hinter einer Frau hergehe, die zu ihrer Freundin fünfmal sagt „Und wenn i ned scho wieder schwanga war, dann tatat i’s a“ – dann bin ich schon im Reim drin und überlege mir, was die tun würde, wenn sie nicht schon wieder schwanger wäre.

Schlögl: Da merkt man die Reimfähigkeit des Wienerischen.

Nöstlinger: Das geht schon leicht, denn es hat so viele Vokale und viele kurze Wörter. Wobei ich gar nicht weiß, inwieweit mein Wienerisch noch stimmt.

Schlögl: Da hat es je nach Bezirk früher große Unterschiede gegeben.

Nöstlinger: Meine Großmutter hat noch einen Brigittenauer von einem Ottakringer unterscheiden können. Es war aber nicht nur der andere Ton. In meiner Kindheit gab es ganz unterschiedliche Vokabeln und Redewendungen. Ich habe meine Cousine immer nur im Sommer im Gänsehäufel gesehen. Sie war Brigittenauerin, ich Hernalserin. Ich bin immer mit den herrlichsten Ausdrücken heimgekommen: „Kräu ma aus da Wäsch“, „Du knofelst“ oder „Geh weg mit deine Tröpfler“.

Schlögl: Was sind Tröpfler?

Nöstlinger: Schweißfüße!

Schlögl: Darauf wäre ich nie gekommen.

Nöstlinger: Das war auch in Hernals alles unbekannt. Da hat es andere Ausdrücke gegeben. Unsere Nachbarin sagte: „Jetzt hab i ma Trottoir-Schuh kauft.“ Gemeint hat sie Trotteur, das waren bequeme Straßenschuhe.

Schlögl: Das ist alles verschwunden.

Nöstlinger: Das Wienerische ist viel mehr Jargon geworden, weniger Dialekt. Es kommt natürlich auch drauf an, woher die Jugendlichen kommen. Wenn ich ihnen heute in der Brigittenau zuhöre, können die weder Türkisch noch Wienerisch. Die reden ein merkwürdiges Gemisch, bei dem die halben Wörter fehlen: ohne Artikel, ohne Präpositionen. Da gibt es das berühmte „Gemma Lugner“. Oder: „Bruder, wie geht?“ So viel wird da nicht geredet.

Schlögl: Es wird schon viel geredet.

Nöstlinger: Die verstehen sich schon, das ist nicht zu bezweifeln. Aber es ist halt ein restringierter Code.

Schlögl: Wie gültig finden Sie die Texte „Iba de gaunz oaman Leit“ heute noch? Die sind ja schon 30, 40 Jahre alt.

Nöstlinger: Das erste Buch, „Iba da gaunz oaman Kinda“, habe ich 1971 oder 1972 geschrieben. Da waren Sachen wie Pädagogik sehr wichtig, man hat über eine neue Schule diskutiert und sich viel mehr für Kinder aus der Unterschicht interessiert als heute. Das Buch hat zwei Auflagen erreicht mit jeweils 10.000 Exemplaren, die ganzen engagierten Lehrer und Sozialarbeiter haben das gekauft. Das gibt es heute nicht mehr.

Schlögl: Hat es ein Arbeiterkind heute nicht so leicht, eine gute Bildung zu bekommen?

Nöstlinger: Wenn heute von Schulreformen die Rede ist, habe ich ein Déjà-vu. Das habe ich alles in den 70ern schon gehört – und besser gehört! Jetzt machen wir wieder Schulversuche. Die Schulversuche rennen seit 40 Jahren! Aber mich darüber zu ärgern, habe ich auch schon aufgegeben.

Schlögl: Ärgern Sie sich generell weniger als früher?

Nöstlinger: Ich kämpfe dagegen an, zynisch zu werden. Aber es würde mir nicht schwerfallen.

Schlögl: Sind Sie klassenkämpferisch?

Nöstlinger: Ich weiß gar nicht, was man unter diesem Begriff heute versteht. Gibt es den noch? Ich bin es sicher nicht, weil ich nicht kämpfe. Ich sage einfach meine Meinung, wenn man mich fragt. Manchmal sage ich sie auch ungefragt.

Schlögl: Ich habe das eher auf die Arbeiterklasse bezogen. Gibt es die noch?

Nöstlinger: Zu meiner Schulzeit hat es sie noch gegeben. Aber schon als meine Töchter zur Schule gingen, war alles ganz anders. Ich bin damals aus einer Volksschule, wo lauter Arbeiterkinder waren, in ein erzschwarzes Gymnasium gekommen. Aus der Schule sind nur ich und ein zweites Mädchen ins Gymnasium gegangen. Das war Feindesland.

Schlögl: War Ihnen das damals bewusst?

Nöstlinger: Sicher. Wobei man sagen muss, dass die Kinder der Wohlhabenden damals auch nicht sehr viel hatten. Gleich nach dem Krieg war der Unterschied nicht so groß. Und weil meine Mutter halbwegs Kleider nähen konnte, habe ich auch nicht schlechter ausgeschaut als die anderen. Ich bin in der Schule nicht aufgefallen, weil ich auch keine karitativen Wohltaten wollte.

Schlögl: Welche Wohltaten?

Nöstlinger: Da wurde gefragt: „Wer kann sich den Skikurs leisten?“ Für die, die es sich nicht leisten konnten, wurde in der Klasse gesammelt. Ich wäre lieber verreckt, als für mich sammeln zu lassen. Ich habe halt gesagt, dass ich keine Lust habe. Insgeheim hat mich das schon empört, dass wir weniger haben als die anderen. Ich habe gefunden, mir steht mindestens so viel zu. Aber in gewisser Weise habe ich schon als Achtjährige resigniert.

Schlögl: Wieso?

Nöstlinger: Ich wuchs bei Antifaschisten auf. Ich habe immer gehört, dass der Krieg verloren werden muss und dass die Nazi weggehören. Dann war das so, und ich habe mir als Kind gedacht: So, jetzt werden die alle umgebracht oder eingesperrt. Das hätte ich gerecht gefunden. Aber nix ist passiert. Das war meine erste bittere Enttäuschung. Der Blockwart war bei uns der Einzige, den es erwischt hat: Dem haben sie noch einen Gehirnschuss verpasst. Der hat dann einen Trichter in den Kopf hinein bekommen. Man sah das Hirn pulsieren, und er hatte lauter Narben.

Schlögl: Aber nicht wirklich?

Nöstlinger: Ja, doch. Den habe ich mir gern angeschaut. Kinder sind so. Ein mildes Kind war ich nie.

Schlögl: Reden wir noch über die heutige Zeit. Leute, die wie ich mit Ihren Texten aufgewachsen sind, haben jetzt selber Kinder und lesen denen Ihre Bücher vor. Merken Sie das?

Nöstlinger: Ja, und ich wundere mich manchmal, weil in diesen Büchern teilweise Sachen drinstehen, die ein Kind heute nicht verstehen kann. Aber die lesen anscheinend drüber hinweg. Wenn da „Lucy in the Sky with Diamonds“ steht und die Kurzform LSD, da kennen die sich doch nicht aus. In meinen neueren Büchern für größere Kinder fehlt die Musik ganz.

Schlögl: Warum?

Nöstlinger: Ich will diese Musik nicht, die meine Enkeltochter hört: Shakira und so was. Ich weiß genau, was die hört. Aber wenn ich darüber positiv schreiben würde, käme ich mir anbiedernd vor.

Schlögl: In Ihren Büchern sind die Großeltern oft Identifikationsfiguren. Wie sind Sie als Großmutter?

Nöstlinger: Überhaupt nicht, weil meine Enkel in Belgien leben. Ich sehe sie schon ab und zu, aber immer nur ein paar Tage. Da braucht es seine Zeit, bis wir uns einander nähern, und dann fahren sie wieder weg. Aber ich leide nicht darunter. Ich bin keine Germteig-Großmutter, die über alles drübersinkt. Denen geht es gut.

Schlögl: Arbeiten Sie gerade wieder an einem neuen Buch?

Nöstlinger: Ja, immer. Ich arbeite aber nicht mehr so viel wie früher. Ich war ja der reine Workaholic. Das habe ich abgelegt. Aber ohne Arbeit könnte ich mir das Leben nicht vorstellen. Dann würde ich verblöden. Wahnsinnig neugierig bin ich aber nicht mehr drauf, was auf der Welt passiert.

Schlögl: Sind Sie noch neugierig, was in Ihrem Umfeld passiert?

Nöstlinger: Schon. Obwohl die alten Freunde inzwischen auch alle alt geworden sind. Die reden unentwegt über ihre Krankheiten oder über die Krankheiten der anderen. Darauf bin ich wirklich nicht neugierig.

Schlögl: Ich hoffe, Sie sind neugierig auf unser Stück im Rabenhof. Werden Sie sich das anschauen?

Nöstlinger: Na sicher. Ich habe allerdings einmal ein schreckliches Erlebnis gehabt mit „Iba de gaunz oaman Kinda“. Da wollte man mich zu meinem Geburtstag überraschen. Der Gerhard Bronner hat die Texte auf E-Musik vertont. Ich bin in diese Buchhandlung reingekommen, und da ist er am Klavier gesessen und hat irgendeine furchtbare Sängerin begleitet. Ich habe mich dann ziemlich danebenbenommen.

Schlögl: Wenn es bei uns so weit kommt, ist es mir lieber, Sie sagen, dass es ein Schas war. Die Musik wird nur ein ganz rudimentärer Klang aus Klopfen und Keyboard-Melodien sein – und Gesang gibt es keinen.

Nöstlinger: Die hat ganz hoch gesungen!

Schlögl: Den Fehler machen wir nicht.

Nöstlinger: Und dabei hat sie immer dreingschaut wie ein kleines Kind und die Augen verdreht, damit es kindlich wirkt. Aber ich bin eh mein Lebtag daran gewohnt, dass nicht zimperlich mit meinen Texten umgegangen wird.
Die Autorin Christine Nöstlinger wird am 13. Oktober 75. Der Musiker und Nöstlinger-Fan Wolfgang Schlögl hat sie über ihre Kindheit, ihre Arbeit und das Wienerische befragt

Kommen S’ halt zu mir“, hat Christine Nöstlinger gesagt. Also fand das Gespräch zwischen der Autorin und Wolfgang Schlögl in Nöstlingers Wohnung statt, die hoch über dem Hannovermarkt im 20. Bezirk liegt. Nebenher jonglierte die Gastgeberin so souverän wie lässig mit Kaffeemaschine, Telefon und Türöffner. Und zwischendurch hat sie sich auch einmal genüsslich eine Zigarette angezündet.

Falter: Frau Nöstlinger, wir haben uns gedacht, wir machen einmal etwas anderes als das typische Geburtstagsinterview.

Christine Nöstlinger: Das ist schön. Ich gebe jetzt dauernd Interviews, und jeder fragt das Gleiche. Ich höre mich reden und denke dabei an was ganz anderes.

Wolfgang Schlögl ist ein Fan von Ihnen. Und er macht die Musik zur Bühnenfassung Ihrer Gedichte „Iba de gaunz oaman Leit“, die Anfang 2012 im Rabenhof aufgeführt wird.

Nöstlinger: Davon habe ich gehört.

Wolfgang Schlögl: Ich bin gefragt worden, ob ich aus Teilen von den drei Gedichtbänden was extrahieren und Musik dazu machen kann. Da stecke ich gerade drin. Mir sind schon einige Flashbacks in die Kindheit gekommen. Ich bin ein 1972er-Jahrgang, und für mich war der „Dschi Dsche-i Wischer“ als Bub eine total tolle Figur.

Nöstlinger: Schön, wenn es so war.

Schlögl: Das ist immer in der Früh im Radio gelaufen, und meine Mutter hat mir sehr bald ein Büchlein davon gekauft, aus dem sie mir dann vorgelesen hat.

Nöstlinger: Das gab es auch, aber man kann über den Dschi Dsche-i schwer ein Buch schreiben. Diese erfundene Sprache kann ein Kind fast nicht lesen. Man hat dann halt irgendwas weggestrichen. Die ganzen witzigen Wortspiele hätten ein Kind total überfordert.

Schlögl: Diese Wortspiele und Sprachschöpfungen fühlt man vielleicht nur, wenn man klein ist. Richtig bewusst wird einem so etwas erst später. Das geht mir bei ihren Texten genauso wie bei der Erika Fuchs.

Nöstlinger: Die Fuchs ist auch gut. Wenn man sich die amerikanischen „Mickey Mouse“-Bücher anschaut, merkt man das erst.

Schlögl: Wie sind Sie damals zum Radio gekommen?

Nöstlinger: Es gab das Jahr des Kindes, und da wollte der Hörfunk eine billige Sendung machen. Ich habe mir am Anfang überhaupt nichts gedacht dabei. Zu der Zeit hat es im Radio noch den Günther Schifter gegeben, von ihm habe ich das „Howdy“ übernommen. So hat sich das im Lauf der Zeit entwickelt. Ich habe mich auch nicht gefragt, ob das Kindern gefallen könnte.

Schlögl: Es war aber schon eine Zielgruppen-Sendung, oder?

Nöstlinger: Es hätte was für Kinder sein sollen. Aber eine halbwegs gute Kindergeschichte muss auch Erwachsenen gefallen. Es schreibt sie ja auch ein Erwachsener. Wenn man sich herabbeugt und auf ein Pseudo-Kinderniveau begibt, dann ist das schon gar nichts. Das macht einem auch beim Arbeiten keinen Spaß. Und ohne den Spaß geht es ja nicht.

Schlögl: Können Sie erklären, was eine gute Kindergeschichte braucht?

Nöstlinger: Sie braucht zwei Ebenen: eine Story und eine Story dahinter. Es gibt natürlich Kinder, die nur die Geschichte verstehen und sich rein an der delektieren. Die Blitzgneißer bemerken halt die Geschichte dahinter auch. Man darf als Autor solcher Geschichten die Türe zur eigenen Kindheit nicht zugemacht haben. Man muss die Wut und die Traurigkeit, die man als Kind empfunden hat, immer noch spüren können.

Schlögl: War es ein spezieller Reiz, fürs Radio tätig zu sein?

Nöstlinger: Ich habe immer gern für alle Medien gearbeitet. Mein Mann war damals für den Rundfunk tätig, darum habe ich da schon sehr früh Beiträge gemacht. Unter Hubert Gaisbauer war das damals eine Schonzone. Ich glaube, der Rundfunk ist das einzige Medium, das mich gescheiter gemacht hat.

Schlögl: Inwiefern?

Nöstlinger: Weil ich ein relativ ungebildeter Mensch war. Was man in einem Wiener Gymnasium gelernt hat, das war ja nicht gar so viel. Beim Radio habe ich in der Familienredaktion Leute kennengelernt, die alle viel mehr gewusst haben als ich.

Schlögl: Heute gibt es so viele Medien, dass alle Informationen relativ werden.

Nöstlinger: Na ja, der eine informiert sich halt mehr dort, der andere da.

Schlögl: Nutzen Sie das Internet?

Nöstlinger: Wenn ich muss. Meine Töchter und meine Enkel lachen über mich, aber ich nehme lieber ein Lexikon zur Hand, als dass ich ins Internet schaue. Das merke ich jeden Donnerstag, wenn ich das Kreuzworträtsel in der Zeit löse. Manchmal ist das Internet aber auch sehr nützlich. Wenn am Mobiltelefon steht „Dieses Zubehör wurde nicht für iPhone entwickelt“, bist du ohne Internet hilflos. Dann schaust du nach und siehst: 100 Leute haben schon dasselbe Problem gehabt. Dann liest du, dass in der Andockstelle Feuchtigkeit sein muss – und genau so war es auch.

Schlögl: Was mich an Ihrem Schreiben besonders interessiert: Wie weit denken Sie Rhythmik und Melodie mit?

Nöstlinger: Ich denke sie nicht mit, aber ich hoffe, ich spüre sie. Ein Text, egal ob das ein Gedicht oder ein Prosatext ist, muss einfach eine gewisse Sprachmelodie haben.

Schlögl: Bei Ihren Gedichten über die „Mauna“ und denen über die „Kinda“ spürt man eine unterschiedliche Dynamik.

Nöstlinger: Da liegen etliche Jahre dazwischen, das spielt sicher eine Rolle. Und bei den Kindern habe ich nur ganz selten gereimt. Bei mir ergibt sich das zufällig. Wenn ich auf der Gasse hinter einer Frau hergehe, die zu ihrer Freundin fünfmal sagt „Und wenn i ned scho wieder schwanga war, dann tatat i’s a“ – dann bin ich schon im Reim drin und überlege mir, was die tun würde, wenn sie nicht schon wieder schwanger wäre.

Schlögl: Da merkt man die Reimfähigkeit des Wienerischen.

Nöstlinger: Das geht schon leicht, denn es hat so viele Vokale und viele kurze Wörter. Wobei ich gar nicht weiß, inwieweit mein Wienerisch noch stimmt.

Schlögl: Da hat es je nach Bezirk früher große Unterschiede gegeben.

Nöstlinger: Meine Großmutter hat noch einen Brigittenauer von einem Ottakringer unterscheiden können. Es war aber nicht nur der andere Ton. In meiner Kindheit gab es ganz unterschiedliche Vokabeln und Redewendungen. Ich habe meine Cousine immer nur im Sommer im Gänsehäufel gesehen. Sie war Brigittenauerin, ich Hernalserin. Ich bin immer mit den herrlichsten Ausdrücken heimgekommen: „Kräu ma aus da Wäsch“, „Du knofelst“ oder „Geh weg mit deine Tröpfler“.

Schlögl: Was sind Tröpfler?

Nöstlinger: Schweißfüße!

Schlögl: Darauf wäre ich nie gekommen.

Nöstlinger: Das war auch in Hernals alles unbekannt. Da hat es andere Ausdrücke gegeben. Unsere Nachbarin sagte: „Jetzt hab i ma Trottoir-Schuh kauft.“ Gemeint hat sie Trotteur, das waren bequeme Straßenschuhe.

Schlögl: Das ist alles verschwunden.

Nöstlinger: Das Wienerische ist viel mehr Jargon geworden, weniger Dialekt. Es kommt natürlich auch drauf an, woher die Jugendlichen kommen. Wenn ich ihnen heute in der Brigittenau zuhöre, können die weder Türkisch noch Wienerisch. Die reden ein merkwürdiges Gemisch, bei dem die halben Wörter fehlen: ohne Artikel, ohne Präpositionen. Da gibt es das berühmte „Gemma Lugner“. Oder: „Bruder, wie geht?“ So viel wird da nicht geredet.

Schlögl: Es wird schon viel geredet.

Nöstlinger: Die verstehen sich schon, das ist nicht zu bezweifeln. Aber es ist halt ein restringierter Code.

Schlögl: Wie gültig finden Sie die Texte „Iba de gaunz oaman Leit“ heute noch? Die sind ja schon 30, 40 Jahre alt.

Nöstlinger: Das erste Buch, „Iba da gaunz oaman Kinda“, habe ich 1971 oder 1972 geschrieben. Da waren Sachen wie Pädagogik sehr wichtig, man hat über eine neue Schule diskutiert und sich viel mehr für Kinder aus der Unterschicht interessiert als heute. Das Buch hat zwei Auflagen erreicht mit jeweils 10.000 Exemplaren, die ganzen engagierten Lehrer und Sozialarbeiter haben das gekauft. Das gibt es heute nicht mehr.

Schlögl: Hat es ein Arbeiterkind heute nicht so leicht, eine gute Bildung zu bekommen?

Nöstlinger: Wenn heute von Schulreformen die Rede ist, habe ich ein Déjà-vu. Das habe ich alles in den 70ern schon gehört – und besser gehört! Jetzt machen wir wieder Schulversuche. Die Schulversuche rennen seit 40 Jahren! Aber mich darüber zu ärgern, habe ich auch schon aufgegeben.

Schlögl: Ärgern Sie sich generell weniger als früher?

Nöstlinger: Ich kämpfe dagegen an, zynisch zu werden. Aber es würde mir nicht schwerfallen.

Schlögl: Sind Sie klassenkämpferisch?

Nöstlinger: Ich weiß gar nicht, was man unter diesem Begriff heute versteht. Gibt es den noch? Ich bin es sicher nicht, weil ich nicht kämpfe. Ich sage einfach meine Meinung, wenn man mich fragt. Manchmal sage ich sie auch ungefragt.

Schlögl: Ich habe das eher auf die Arbeiterklasse bezogen. Gibt es die noch?

Nöstlinger: Zu meiner Schulzeit hat es sie noch gegeben. Aber schon als meine Töchter zur Schule gingen, war alles ganz anders. Ich bin damals aus einer Volksschule, wo lauter Arbeiterkinder waren, in ein erzschwarzes Gymnasium gekommen. Aus der Schule sind nur ich und ein zweites Mädchen ins Gymnasium gegangen. Das war Feindesland.

Schlögl: War Ihnen das damals bewusst?

Nöstlinger: Sicher. Wobei man sagen muss, dass die Kinder der Wohlhabenden damals auch nicht sehr viel hatten. Gleich nach dem Krieg war der Unterschied nicht so groß. Und weil meine Mutter halbwegs Kleider nähen konnte, habe ich auch nicht schlechter ausgeschaut als die anderen. Ich bin in der Schule nicht aufgefallen, weil ich auch keine karitativen Wohltaten wollte.

Schlögl: Welche Wohltaten?

Nöstlinger: Da wurde gefragt: „Wer kann sich den Skikurs leisten?“ Für die, die es sich nicht leisten konnten, wurde in der Klasse gesammelt. Ich wäre lieber verreckt, als für mich sammeln zu lassen. Ich habe halt gesagt, dass ich keine Lust habe. Insgeheim hat mich das schon empört, dass wir weniger haben als die anderen. Ich habe gefunden, mir steht mindestens so viel zu. Aber in gewisser Weise habe ich schon als Achtjährige resigniert.

Schlögl: Wieso?

Nöstlinger: Ich wuchs bei Antifaschisten auf. Ich habe immer gehört, dass der Krieg verloren werden muss und dass die Nazi weggehören. Dann war das so, und ich habe mir als Kind gedacht: So, jetzt werden die alle umgebracht oder eingesperrt. Das hätte ich gerecht gefunden. Aber nix ist passiert. Das war meine erste bittere Enttäuschung. Der Blockwart war bei uns der Einzige, den es erwischt hat: Dem haben sie noch einen Gehirnschuss verpasst. Der hat dann einen Trichter in den Kopf hinein bekommen. Man sah das Hirn pulsieren, und er hatte lauter Narben.

Schlögl: Aber nicht wirklich?

Nöstlinger: Ja, doch. Den habe ich mir gern angeschaut. Kinder sind so. Ein mildes Kind war ich nie.

Schlögl: Reden wir noch über die heutige Zeit. Leute, die wie ich mit Ihren Texten aufgewachsen sind, haben jetzt selber Kinder und lesen denen Ihre Bücher vor. Merken Sie das?

Nöstlinger: Ja, und ich wundere mich manchmal, weil in diesen Büchern teilweise Sachen drinstehen, die ein Kind heute nicht verstehen kann. Aber die lesen anscheinend drüber hinweg. Wenn da „Lucy in the Sky with Diamonds“ steht und die Kurzform LSD, da kennen die sich doch nicht aus. In meinen neueren Büchern für größere Kinder fehlt die Musik ganz.

Schlögl: Warum?

Nöstlinger: Ich will diese Musik nicht, die meine Enkeltochter hört: Shakira und so was. Ich weiß genau, was die hört. Aber wenn ich darüber positiv schreiben würde, käme ich mir anbiedernd vor.

Schlögl: In Ihren Büchern sind die Großeltern oft Identifikationsfiguren. Wie sind Sie als Großmutter?

Nöstlinger: Überhaupt nicht, weil meine Enkel in Belgien leben. Ich sehe sie schon ab und zu, aber immer nur ein paar Tage. Da braucht es seine Zeit, bis wir uns einander nähern, und dann fahren sie wieder weg. Aber ich leide nicht darunter. Ich bin keine Germteig-Großmutter, die über alles drübersinkt. Denen geht es gut.

Schlögl: Arbeiten Sie gerade wieder an einem neuen Buch?

Nöstlinger: Ja, immer. Ich arbeite aber nicht mehr so viel wie früher. Ich war ja der reine Workaholic. Das habe ich abgelegt. Aber ohne Arbeit könnte ich mir das Leben nicht vorstellen. Dann würde ich verblöden. Wahnsinnig neugierig bin ich aber nicht mehr drauf, was auf der Welt passiert.

Schlögl: Sind Sie noch neugierig, was in Ihrem Umfeld passiert?

Nöstlinger: Schon. Obwohl die alten Freunde inzwischen auch alle alt geworden sind. Die reden unentwegt über ihre Krankheiten oder über die Krankheiten der anderen. Darauf bin ich wirklich nicht neugierig.

Schlögl: Ich hoffe, Sie sind neugierig auf unser Stück im Rabenhof. Werden Sie sich das anschauen?

Nöstlinger: Na sicher. Ich habe allerdings einmal ein schreckliches Erlebnis gehabt mit „Iba de gaunz oaman Kinda“. Da wollte man mich zu meinem Geburtstag überraschen. Der Gerhard Bronner hat die Texte auf E-Musik vertont. Ich bin in diese Buchhandlung reingekommen, und da ist er am Klavier gesessen und hat irgendeine furchtbare Sängerin begleitet. Ich habe mich dann ziemlich danebenbenommen.

Schlögl: Wenn es bei uns so weit kommt, ist es mir lieber, Sie sagen, dass es ein Schas war. Die Musik wird nur ein ganz rudimentärer Klang aus Klopfen und Keyboard-Melodien sein – und Gesang gibt es keinen.

Nöstlinger: Die hat ganz hoch gesungen!

Schlögl: Den Fehler machen wir nicht.

Nöstlinger: Und dabei hat sie immer dreingschaut wie ein kleines Kind und die Augen verdreht, damit es kindlich wirkt. Aber ich bin eh mein Lebtag daran gewohnt, dass nicht zimperlich mit meinen Texten umgegangen wird.