Kritik im Standard

Wer das Geld anbetet, verliert sein Leben

Margarete Affenzeller , 16. September 2011 17:30
Artikelbild: Geld bringt Leben (v. li.): Knieriem (Zauner), Leim (Schuchter) und</p>
<p>Zwirn (Teichtmeister).  - Foto: Lilli Strauss/dapd
“Lumpazivagabundus” am Theater in der Josefstadt

Wien – Der (in Aussicht stehende) Besitz von Geld bringt die Moral ins Wanken. Und wie schnell scheinbar aufrichtige Akteure in Wirtschaft und Politik sich korrumpieren lassen, ist ja jederzeit und allüberall ausführlich zu verfolgen. Urformen solch “liederlicher” Gestalten entwarf Johann Nestroy schon 1833 mit den verderbten Handwerksburschen Knieriem, Leim und Zwirn (wobei Leims Gutmenschentum im Gruppenzwang ein wenig untergeht).

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In der nun am Theater in der Josefstadt neuinszenierten Zauberposse obliegt es dem Feenkönig Stellaris (Alexander Waechter), das “liederliche Kleeblatt” vor dem bösen Einfluss der Titelfigur Lumpazivagabundus (Erni Mangold) zu erretten. Und indem er diese von Mangold im hautengen Trägerkleid (Kostüme: Nicole von Graevenitz) gespenstisch verführerisch, mit Glatzkopf und krakeligen, feixenden Bewegungen geradezu animalisch interpretierte Gestalt schlussendlich verbannt, katapultiert er die drei Herren in ein bürgerliches Leben.

Und dieses von adretten Ehegattinnen (Therese Lohner, Susanna Wiegand, Daniela Golpashin) und mörderisch großen Kinderwägen gesäumte, traurige Schlussbild ist der wahrste Moment in Georg Schmiedleitners Josefstadt-Inszenierung. Der auf trashiges Volkstheater abonnierte Regisseur (mit Franzobel, dessen Lumpazi-Neudichtung vom Theater abgelehnt wurde, hat er vielfach zusammengearbeitet) traut dem Antlitz des braven Bürgers nicht über den Weg; und er glaubt nicht an die Rettung der Moral durch Angepasstheit: Nein, so brav und weiß gepudert, wie Schuster, Schneider und Tischler am Ende dastehen, das ist eine offensichtlich trügerische Lösung.

Nach einem von Feenhand initiierten Lottogewinn haben der depressive Knieriem (Martin Zauner) und der exaltierte Zwirn (Florian Teichtmeister) nur geprasst und geprahlt, und Leim (Rafael Schuchter) hat sich zum strebsamen Saubermann gemausert, der den anderen scheinbar selbstlos auf die rechte Bahn helfen will. Dabei trägt er die gelackte Montur eines modernen Kapitalisten. Und in dieser feinen Nuancierung entpuppt sich das schön und sachte in Szene gesetzte Trugbild: das vorgeblich korrekte Bürgerleben als die eigentliche Lüge. Das war schon was.

Doch bis es so weit kommt, wälzt die Josefstadt eine auf mäßig lustig ausagierten Witzen bauende Dramaturgie (ein wenig wurde sprachlich nachgerüstet, etwa wenn es gilt, die fehlenden Zähne eines nach Italien entlaufenen Hundes zu beschreiben: “zahni kani, denti nienti”). Die bis auf die Feuermauer ausgeräumte Bühne von Florian Parbs hält mit fliegendem Sofa und viel Theaterrauch das Feenreich der Josefstadt-Best-Ager (Lotte Ledl, Maria Urban, Gideon Singer u. a.) in Schwung.

Vor allem aber hilft der Ambient-Sound der erstmals an der Josefstadt verpflichteten Sofa Surfers dem im Fifties-Stil ausgestatten und vom leichten Staub der grellen Trash-Mode gezeichneten Abend immer wieder auf die Beine. Bleibt die Frage: Ist das anständige Leben wirklich unlebbar? (Margarete Affenzeller, DER STANDARD – Printausgabe, 17./18. September 2011)