Theater in der Josefstadt

DER BÖSE GEIST LUMPAZIVAGABUNDUS oder
DAS LIEDERLICHE KLEEBLATT
Premiere: 15. September 2011
Zuerst gab es Theaterdonner im wahrsten Sinn des Wortes, das heißt, er bedeutet wirklich nichts. Ein Haus bestellt von einem prominenten Zeitgenossen die Bearbeitung eines „Klassikers“, diese gefällt nicht, man bestellt sie wieder ab. Abzug Herr Franzobel, für den das unwichtig ist, wird er doch ohnedies landauf, landab gespielt. Und was hätte er besser und radikaler machen können als die Fassung von Johann Nestroys „Lumpazivagabundus“, die Regisseur Georg Schmiedleitner sich nun (vermutlich mit Hilfe der Dramaturgie) selbst hergestellt hat? Die geht nämlich ganz schön unsanft mit dem Stück um. Aber dieses hält es aus, mehr noch, es zeigt in dieser reduzierten Form erst recht, was da noch alles drin steckt – und springt uns mitten ins Gesicht. Gut so. Drei Gestrandete des Schicksals, die noch einmal eine Chance bekommen, „brav“ zu werden, wie es damals hieß: Einer ergreift sie, die beiden anderen nicht. „Bürgerlichkeit?“ Bei dieser Idee können sie sich nur winden, das halten sie nicht aus. Heute geht es vielen so…
Für die „Lazzi“ einer Wiener Nestroy-Tradition hat der Regisseur rein gar nichts übrig. Die drei armen Hunde – der Schuster Knieriem, der Schneider Zwirn und der Tischler Leim – dürfen nicht in einer Virtuosenszene die betuchten Herrschaften, die vorübergehen, anbetteln, es gibt kein endloses „Eduard und Kunigunde“ im Wirtshaus. Gerade, dass die Signora Palpiti mit ihren Töchtern erscheint, vom üblichen Quodlibet ist nicht die Rede. Nur der alte G’spaß, dass Zwirn auf „Italienisch“ eine Suchanzeige für einen angeblich verlorenen Hund („Cane perduto“) aufsetzt, ist geblieben. Und die Szene, wenn Meister Hobelmann dem Schuster und dem Schneider einen Brief des Tischlers vorliest und die beiden Analphabeten den Lesenden nicht von dem Mann unterscheiden können, der den Brief geschrieben hat… das war dem Regisseur offenbar tiefschürfend genug.
Im übrigen hat er geholzt wie der Teufel und auch ganz wenig hinzugefügt: Er hat nicht versucht, den bei Nestroy fehlenden Knieriem-Akt irgendwie zu erschaffen (Wolfgang Böck in Kobersdorf hat einst eine lange Szene gespielt, wo dieser im Gefängnis sitzt), er hat nur ein kleines galliges Sahnehäubchen auf das Ende gesetzt: Da Nestroy ja zu seinem Erfolgsstück eine Fortsetzung geschrieben hat, in der auch die „Lumpen“ Knieriem und Zwirn zu Familienvätern werden (aber was für welche…), stattet der Regisseur zum Finale alle drei seiner Helden mit Frauen und Kinderwägen aus. Die leeren, unglücklichen Blicke, mit denen sie in den Zuschauerraum starren, die muss man sich einmal geben, um zu begreifen, wie gut Schmiedleitner Nestroy begreift, indem er ihn zu uns holt.
Aber da gibt es ja noch die Zauberwelt, das von Nestroy ironisch jonglierte Relikt des Wiener Volkstheaters. Die Damen und Herren Feen und Zauberer streiten in ihren luftigen Höhen, was das Zeug hält, aus ihrer „Wette“, ob die Menschen zu bessern seien, erwächst das Stück. Man schätzt die Herrschaften, die Schmiedleitner zu Beginn auf die leere Bühne schickt, viel zu sehr, um sie als das Altersheim der Josefstadt zu bezeichnen, aber „Oldies“ im besten Sinn sind sie, symbolisieren solcherart zweifellos die Überalterung des Zauber-Gedankens. Wie dem auch sei – dass sie in der Folge der Handlung die „Rollen“ übernehmen, die Staffage sind (ein Wirt, eine Haushälterin usw), ist nicht neu, aber stimmig. Die „Echtmenschen“ bleiben original, und vor dem „Lumpazi“ selbst (der „Lump“ steckt fest in ihm drin) kann man fast erschrecken: Die klapperdürre Erni Mangold mit Glatzenperücke und schauriger Behändigkeit erinnert mindestens an den Gollum aus „Herr der Ringe“, ein Wesen aus den Tiefen des Unterbewusstseins. Sie tritt auf, und es ist Schluss mit lustig. Und dabei bleibt es nahezu auch. Wenngleich die Josefstädter Garde der Nicht-mehr-ganz-Jungen unter der Leitung des martialischen Alexander Waechter als Feenkönig Stellaris (mit Sonnenbrille) allerlei Virtriol-Spass hat und macht – Marianne Nentwich und Lotte Ledl als spinnefeindliche Feen, Maria Urban und Bernd Ander als an sich jugendlich gedachtes Liebespaar, Gideon Singer und Marianne Chappuis als farbige Ergänzung.
Die Bühne bleibt weitgehend leer (Florian Parbs), mit ein paar herabgesenkten Versatzstücken, die Kostüme (Nicole von Graevenitz) sind heutig und passend zwischen schrill und armselig. Die drei abgewrackten Gesellen stolpern auf die Bühne – Rafael Schuchter, ein wahrer, hohläugiger Melancholiker, dem alles schief gelaufen ist, als Leim; Florian Teichtmeister, ein dürrer, unsicherer, die Unsicherheit überzappelnder Zwirn; und schließlich Martin Zauner mit speckigem, ins Gesicht hängenden Haar als ein Knieriem, der gerade unter der nächsten Brücke hervorgekrochen scheint. Man kann menschliches Elend, ohne die sonst mildernd wirkende Lustigkeit, nicht deutlicher hinstellen. Lebensperspektive? Der erste will sterben. Der zweite will sich blindwütig unterhalten. Der dritte will saufen. Was kann Geld daran ändern?
Leim wird, wie gesagt, beim Schwiegervater (triefend: Toni Slama) bürgerlich, er kriegt dafür sein Dümmlichkeit sprühendes Mädchen (Daniela Golpashin), und nun wird von ihm erwartet, glücklich zu sein. Wenn man ihn später wieder sieht, bierernst, mit Hosenträgern, erschrickt man richtig: Was ist aus diesem Menschen geworden? Das soll das Glück sein? Über die Dummheit des Zwirn fährt die Inszenierung (auch durch den Torso der Palpiti-Geschichte) schnell hinweg. Er bekommt kurz ein Mikro, darf etwas wie Sprechgesang von sich geben. Ja, wo sind sie, Nestroys berühmte Couplets? Weg. Im Hintergrund spielt eine Band namens „Sofa Surfers“, sie sind gut, immer zu laut, aber im Grunde nie als Begleitung für irgendetwas gedacht, sondern eher, um ungute Stimmung zu malen.
Und das „Kometenlied“? Ohne das „Die Welt steht auf kan’ Fall mehr lang“ des Knieriem kann es ja keinen „Lumpazi“ geben. Martin Zauner darf es auch bringen, wenn auch nicht singen. Er rezitiert es (und weil die Musik eben zu laut ist, versteht man den Text leider sehr schlecht), mehr noch, er scheint es zu „heulen“ wie ein „Beat Generation“-Poet, der einer verachteten Mitmenschheit ihren Untergang entgegen schreit. Da passen keine billigen Polit-Witzchen aus der österreichischen Lachkiste dazu. Die Sache ist einfach zu ernst.
So landet man bei Nestroy: Zwei von dreien sind nicht zu domestizieren, unglücklich sind alle drei, es geht hart auf hart zu im Leben, der Dichter hat’s gewusst, der Regisseur bringt es ganz unjosefstädtisch auf die Bühne. Wir hab’n kan’ Franzobel dazu ’braucht.
Renate Wagner