DATUM 05/2010:

Eine neue Platte mit den Sofa Surfers, eine prestigeträchtige Arbeit fürs Burgtheater, diverse Soloprojekte und eine Produktion für Attwenger: Wolfgang Schlögl hat gerade wieder einen Lauf. Und bleibt doch skeptisch.

Text: Gerhard Stöger
Fotografie: Jacqueline Godany

„Wenn ich mein Werk anschaue, bin ich nicht zufrieden“, sagt Wolfgang Schlögl. Es ist kein Fishing for Compliments, das der Wiener Elektronikmusiker und Produzent da am Ende eines ausführlichen Gesprächs über seine bisherige Karriere betreibt. Der 38-Jährige hat ganz einfach eine reflektierte und kritische Weltsicht, und die macht auch vorm eigenen Schaffen nicht halt. Schlögl zählt zu den profiliertesten österreichischen Popmusikern seiner Generation, kaum einer ist so vielfältig tätig und so allgemein respektiert wie er. Auf der Straße erkennt man ihn trotzdem nicht, keiner seiner Songs ist im kollektiven Popgedächtnis des Landes verankert. „Ich würde gerne noch Musik schaffen, die die Zeiten überlebt“, sagt er. „Nicht aus ökonomischen Gründen, sondern einfach aus einem künstlerischen Wunsch heraus.“

Wolfgang Schlögl hat gerade wieder viel um die Ohren. „Blindside“ kam Ende März heraus, das neue Album seiner Band Sofa Surfers. Ein eigenes Label hat das Quintett für diese eindrucksvolle Mischung aus fiebrigem Soul und apokalyptischem Rock gegründet, um neben der Kunst jetzt auch die wirtschaftlichen Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Die Platte will beworben werden, Konzerte sind zu spielen, zumeist im Ausland. Am Burgtheater ist Schlögl dieser Tage ebenfalls zu hören, er hat die elektronische Begleitmusik zu Matthias Hartmanns Inszenierung von Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ komponiert. Das Label Konkord bringt heuer eine CD mit ausgewählten Theatermusikarbeiten Schlögls heraus, die zuvor aber noch grundlegend überarbeitet werden wollen, um auch abseits der Bühne zu funktionieren. Für Affine, das Label der jungen Wiener Elektronik-Hipster um die Produzenten Dorian Concept und The Clonious, arbeitet Schlögl an einer beatlastigen Maxi, gleichzeitig hilft er den oberösterreichischen Volksmusik-Anarchisten Attwenger als Produzent des nächsten Albums, ihren Sound einmal mehr neu zu definieren.

All das will mit dem Familienleben vereinbart werden; seine zwei kleinen Töchter sind der Hauptgrund dafür, dass man Schlögl seit einigen Jahren weniger im Club und vermehrt im Theater hören kann. „Im Prinzip ruht mein Soloprojekt I-Wolf, seit ich Theatermusik mache“, sagt er. „So bin ich vor Ort, führe ein geregelteres Leben – und meine Miete bezahlt es auch.“ Als reinen Brotjob will der Musiker Theater- und Soundtrackarbeiten – die Sofa Surfers waren zuletzt für die Musik zur Wolf-Haas-Verfilmung „Der Knochenmann“ verantwortlich – nicht verstanden wissen: „Ich gehe da rein wie in jedes meiner Projekte. Es soll leiwand werden, deshalb mache ich es. Ansonsten könnte ich mich gleich in ein Büro setzen.“

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Wolfgang Schlögl besitzt einen ausgeprägten künstlerischen IQ und EQ, was ihn befähigt, in ganz unterschiedlichen Kontexten spezielle künstlerische Qualitäten einzubringen“, sagt der Wiener Musikmanager Walter Gröbchen, der den Sofa Surfers bereits 1997 zu einem ersten Major-Plattenvertrag verholfen hat und das – Zitat Gröbchen – „ äußerst autarke Kollektiv“ heute mit seiner Firma monkey berät. „ Großes technisches und kulturelles Know-how zeichnen ihn ebenso aus wie Offenheit, Forscherdrang und die Lust auf die Suche nach Querverbindungen abseits ausgetrampelter Pfade. Dazu kommen seine Freundlichkeit, seine Konsequenz und seine sanfte Nachdrücklichkeit, die ihn zu einem sehr angenehmen und gerne zurate gezogenen Leithammel macht.“

Die angesprochene Lust an unkonventionellen Querverbindungen bescherte Schlögl diverse Kooperationen an der Schnittstelle von Elektronikavantgarde und Neuer Musik, etwa bei Projekten mit der österreichischen Geigerin und Komponistin Mia Zabelka. Ungleich bekannter ist seine Mitgliedschaft in The Slow Club, jener etwas anderen Austropop-Supergroup, die Schlögl mit Falcos einstigem Bandleader Thomas Rabitsch und dem 2008 verstorbenen Sänger Hansi Lang bildete.

„Wolfgang Schlögl ist nicht der typische Profimusiker, der spielt, was angesagt wird“, charakterisiert ihn Thomas Rabitsch. „ Er ist auch kein Allerwelts-Auftragskomponist. Da muss vorher zunächst einmal das Drumherum passen. Schließlich geht es in der Musik um das Feinstoffliche, um Gefühle – und bei ihm zu guter Letzt auch um die menschliche Basis, die er braucht, um loslegen zu können.“ Rabitsch, der selbst parallel zum Slow Club auch als musikalischer Direktor für die ORF-Karaokeshow „Starmania“ arbeitete, attestiert Schlögl eine große Konsequenz darin, nur Dinge zu tun, die ihn wirklich interessieren. „ Das ist keine künstlerische Arroganz, sondern er weiß genau, dass er nicht anders kann, weil dabei nichts rauskäme, hinter dem er stehen könnte.“ Ein Ansatz, der Schlögl mit Hansi Lang verband, so Rabitsch. „ Bei der ersten gemeinsamen Jam-Session hatte ich das Gefühl, nicht mit einem zusätzlichen Musiker zu spielen, sondern mit einer ganzen Band. Da stand neben Hansi und mir ein Arrangeur mit seinem ganz eigenen Kosmos.“

„Ich habe in den letzten Jahren mit einer Menge junger Musiker zusammengespielt, aber wohl keinen neugierigeren Menschen und Musiker als den Wolfi erlebt“, schrieb Hansi Lang 2004 nach den ersten Slow-Club-Sessions in einem Mail an Rabitsch. „ Bei ihm ist der Name tatsächlich Programm. Er ist ein Wolf. Ein echter.“ Als Hansi Lang 2009 posthum den Musikpreis Amadeus für sein Lebenswerk bekam, hielt Wolfgang Schlögl eine berührende Laudatio; die Freundschaft zwischen ihm und Thomas Rabitsch hält bis heute an. Eventuelle weitere Projekte werden von beiden nicht ausgeschlossen. „ Es war eine extrem schöne Erfahrung, mit einer älteren Musikergeneration zu arbeiten, bei der sich die Musik nicht nur aus der Jugendkultur speist“, sagt Schlögl über The Slow Club. Manch einem der seit den Siebzigern aktiven Musiker aus Rabitschs Umfeld erscheine er mit seinem elektronischen Gerätepark zwar nach wie vor als Alien, sagt Schlögl. Gleichzeitig ist es aber keinesfalls nur ironisch gemeint, wenn er sich selbst bereits als Dinosaurier der Wiener Musikszene bezeichnet.

Wolfgang Schlögl wurde 1972 als drittes Kind eines Arbeiter- und Angestelltenehepaars in Mödling geboren, aufgewachsen ist er in Brunn am Gebirge. „Denke ich an meine Kindheit, so habe ich eine kleinstädtische Siedlung vor mir“, sagt er. „Diese Häuser mit ihren Gärtchen und all den Zäunen drum herum. Ich höre die Autobahn und rieche den McDonald’s aus der Ferne, die Shopping City Süd. Dieses unglaubliche Warenangebot hat pulsiert, rückblickend war das für mich immer spürbar.“

Schlögl war ein Nachzügler, anders als seine älteren Geschwister begeisterte er sich bereits als Vorschulkind für den Klavierunterricht. Mit fünf kippte er auf Wagners „Ring der Nibelungen“ rein, später wurde die Familiengarage zum Proberaum seiner Schülerbands. „Meine Eltern sind absolut keine elitären Menschen, trotzdem habe ich jedes Wiener Museum gekannt, bevor ich in die Volksschule gekommen bin“, sagt Schlögl. „Am ehesten trifft so eine unbewusste britische Working-Class-Ethik auf sie zu, etwas, das hierzulande verschüttgegangen ist: Man hat das Bewusstsein des Proletariats, und trotzdem ist der Wunsch nach Intellekt nichts Verpöntes.“

Im Wiener Neustädter Musikgymnasium spielte Schlögl im Schulensemble Cello, gleichzeitig fungierte das in seiner späten Blüte stehende Wiener U4 als wichtiger Sozialisationsort. „Mit 17 bin ich in der Nacht rausgeschlichen und mit dem Casinobus oder der letzten Schnellbahn nach Wien gefahren“, erzählt der Musiker. „Vor allem mittwochs. Das war der Gruftitag, es lief aber auch schon elektronische Musik.“ Nach der Matura gründete Schlögl seine erste wirklich aktenkundige Band Redred Rosary, eine Fusion diverser Mödlinger Nachwuchsgruppen, an der bereits die späteren Sofa-Surfers-Mitglieder Markus Kienzl und Michael Holzgruber beteiligt waren.

Tanzbaren britischen Pop wollten Redred Rosary mit psychedelischen Elementen verbinden, Stromgitarren mit elektronischen Klängen kurzschließen, dem Diktat des Authentischen durch ein Spiel mit der Performance begegnen: Statt in schwarzer Rockerkluft stellten sich Redred Rosary in weißen Overalls auf die Bühne. Drei Alben entstanden, der Erfolg blieb überschaubar. „Wir würden halt ein bisschen warmen Pop machen, hieß es immer“, erinnert sich Schlögl an die Resonanz auf die Gruppe. „Aus heutiger Sicht war Redred Rosary zwar nicht wirklich geglückt, aber es war ein notwendiger, wichtiger Schritt.“

Schlögl studierte damals Politikwissenschaft und gab nebenher Klavierunterricht. Vor allem aber suchte er nach Möglichkeiten, die neu entfachte Techno-Leidenschaft mit der eigenen Musik zu verbinden. „Wir sind damals vorm klassischen Bandmodell mit seiner fixen Rollenverteilung geflohen“, sagt er über die Zeit um 1995. Die Flucht führte ins Kunstwerk, ein stillgelegtes Fabriksgebäude im Wiener Vorstadtbezirk Ottakring, das einige ältere Hippietypen zum pulsierenden Kreativort umgewandelt hatten. Partyveranstalter arbeiteten dort neben Filmemachern, bildende Künstler neben Computerprogrammierern. Aus der produktiven Konfrontation entstanden die Sofa Surfers, die Debütsingle „ Sofa Rockers“ machte sie – nicht zuletzt durch einen Remix von Richard Dorfmeister – über Nacht international bekannt.

Die Sofa Surfers reisten als Vertreter der Wiener Elektronikszene durch die Welt, spielten Festivalkonzerte vor zehntausenden Besuchern und kosteten kurz vom echten Popstarleben: „1998 hatten wir einen Gig in London, wo wir von Limousinen am Flughafen abgeholt wurden und ein Wochenende in einem Penthouse verbrachten.

Der Fahrer hat gleich gefragt: ‚Was wollt ihr, Koks, Pillen, Weed?‘ Man gab einfach seine Bestellung auf und traf anschließend internationale Stars. Aber gut, wir sprechen hier von fünf Sekunden Ruhm. Das war lustig, wir waren aber alle zu ironisch, um da voll reinzukippen.“ Von 1998 bis 2003 lebte Schlögl der Liebe wegen sieben Monate pro Jahr in Los Angeles, die restliche Zeit war er mit den Sofa Surfers auf Tour. Einer Bandpause folgte 2003 das Solodebüt „ Soul Strata“ unter dem Pseudonym I-Wolf, das als erste österreichische Produktion überhaupt zum Album des Monats im deutschen Intellektuellenpopblatt Spex gekürt wurde. „ Eine Platte, die zwischen allen Orten lebt“, stand in der Kritik.

„Musikalisch wie inhaltlich. Im besten Sinne. Eine Platte, die Soul ist, Seele hat. Die dunkle Seite der von Liebe geplagten Seele aufscheinen lässt, ohne jedoch wirklich düster oder bedrückend zu wirken.“ Den Liebesliedern im Zeichen des digitalen Soul folgte 2004 „ I-Wolf & Burdy Meet the Babylonians“ – eine Globalisierungsreflexion, die Schlögl als Versuch beschreibt, urbane World Music zu schaffen. Danach wurde der I-Wolf in Karenz geschickt, zu den Akten gelegt hat ihn Schlögl nie.

„Das Sujet von Revolution ist zwar omnipräsent, es ist aber durch und durch ästhetisiert und nicht mehr mit Inhalten aufgeladen“, sagt Schlögl über den Pop der Gegenwart. „ In dieser Situation ist es irrsinnig schwer, nicht altbacken zu wirken, wenn man sagt: Ich bin für Solidarität, und ich möchte jetzt ein Lied darüber singen. Diese Botschaft findet sich mittlerweile eher im Theater als in jugendkulturaffinen Bereichen.“ Warum Wolfgang Schlögl dieses Lied von der Solidarität nicht selbst singt? „Weil mir dafür die passende Form fehlt. Singe ich in einer schlichten, klar verständlichen Sprache über Solidarität, geht mir die Sinnlichkeit ab. Ich sehne mich wohl wieder nach politisch aufgeladener Soulmusik.“

Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Sehnsucht ein neues I-Wolf-Album hervorbringt. „Manchmal fürchte ich, dass es mich zerspragelt bei all den Dingen, die ich mache“, sagt Schlögl. „Aber ich habe einfach eine Abneigung gegen lineare Karriereplanungen, die so managerartig vorgehen. Diese Art von Kalkül ist mir fremd.“ Irgendwann wird er trotz des fehlenden Karrieremasterplans noch kommen, der Tag, an dem Wolfgang Schlögl sein Werk betrachtet und zufrieden ist: „ Ich habe das Gefühl, dass noch ungemein viel Musik in mir ist, dass noch so viel raus muss!“